Philosophin: Demokraten sollten mehr Radikalität wagen

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Category: Politics
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Kaum ein Demokrat würde sich selbst als 'radikal' bezeichnen. Weil dem Begriff 'Radikalität' im demokratischen Diskurs eine eher negative, vorbelastete Konnotation anhängt. So gab es in der Bundesrepublik den 'Radikalenerlass', der Anfang der 1970er Jahre verhindern sollte, dass Feinde der freiheitlich demokratischen Grundordnung im öffentlichen Dienst arbeiteten. Radikale politische Ideen von rechts oder links gefährden bis heute die liberalen Fundamente der Demokratie. Im aktuellen Verfassungsschutzbericht wird vor 'radikalen Verschwörungstheorien', radikalen Protestformen, der 'Undogmatischen Radikalen Linken' und 'radikalen Strömungen im Islamismus' gewarnt. Radikalität als kulturphilosophische Kraft Umso erstaunlicher, dass die Hamburger Philosophin Mirjam Schaub um Verständnis wirbt und diesem aus ihrer Sicht zumeist verkannten Thema Radikalität gleich zwei Bände mit zusammen 848 Seiten (Meiner Verlag) widmet. Dabei geht es ihr darum, Radikalität als kulturphilosophische Kraft neu zu entdecken, die auf verschlungenen Wegen von der Antike bis zur Gegenwart ihre Wirkungen entfaltet. Ihre beiden Bände, ein faszinierender Blick auf 2000 Jahre Kulturgeschichte, hinterfragen, warum Radikalität in Philosophie und Kunst so viel anerkannter ist, als in Religion, Gesellschaft und Politik. Wobei im Alltag und auch in der medialen Berichterstattung der Begriff 'radikal' oft mit seinem ungleichen Geschwister 'extrem' verwechselt wird. 'Radikal ist jemand, der aus intrinsischen Gründen, also aus innerer Bereitschaft, bereit ist, für eine für wahr gehaltene und unbedingt zu verteidigende Idee zu sterben', sagte Mirjam Schaub im Gespräch mit dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Dagegen ist extrem, 'wer aus extrinsischen (von äußeren Faktoren abhängigen – d. Red.) Gründen bereit ist, für eine Idee zu töten', so die Kulturphilosophin. Und verweist auf historische Beispiele: Aus Protest gegen den Einmarsch der sowjetischen Truppen in sein Heimatland verbrannte sich der tschechische Student Jan Palach im Januar 1969 auf dem Prager Wenzelsplatz selbst. Das war nach Schaubs Verständnis Radikalität in seiner reinsten Form. 'Wer sich dagegen einen Sprengstoffgürtel umhängt, um an einer Bushaltestelle oder in einem Stadion möglichst viele andere Menschen mit sich in den Tod zu reißen, ist extrem', so die Autorin. Die Grenze zwischen der konstruktiven Kraft, die laut der Autorin von Radikalität ausgeht, und einem destruktiven Extremismus, dem Eifer, Fanatismus, dem Bekehrungs- und Missionsgedanken zu Grunde liegen, verlaufe bei der 'Verfügung über den eigenen Körper.' Eine Grenze, die laut Mirjam Schaub nie überschritten wird. Würde Radikalität diese Grenze überschreiten, 'hätte sie ihre Vorbildwirkung verspielt, ihre eigene Unbedingtheit und Konsequenz, ihre Lust, sich den unbequemen Wahrheiten zu widmen, was die Fähigkeit zur Selbstkritik immer mit einschließt', so die Philosophin. Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. …tief aber und radikal ist immer nur das Gute. Eine Unterscheidung übrigens, auf die schon die Philosophin Hannah Arendt hinwies, nachdem sie 1963 in Jerusalem als Beobachterin am Prozess gegen Adolf Eichmann, dem NS-Organisator des Holocaust, teilgenommen hatte: 'Ich bin in der Tat heute der Meinung, dass das Böse immer nur extrem ist, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie. …tief aber und radikal ist immer nur das Gute', schrieb sie in einem Brief an Gershom Scholem. Mirjam Schaub wirbt dafür, im täglichen Gebrauch solcher Begriffe, vorrangig auch in der medialen Berichterstattung, deutlicher zwischen 'radikal' und 'extrem' zu unterscheiden. Nazis sind nicht radikal, sondern extrem Das Gegenteil von radikal, nämlich fanatisch und extrem, sei laut Mirjam Schaub beispielsweise der Nationalsozialismus – 'als rassistische, das heißt im Kern inhumane und verbrecherische Weltanschauung, da sie willkürlich das eigene ‚Volk' über jedes andere stellt und sich zugleich perfiderweise als ‚Opfer' des jüdischen Volkes stilisiert'. Um beim oben genannten Beispiel zu bleiben: Es gehe bei Radikalität nicht immer um das heroische Große, um 'Selbstverbrennung' oder Selbstgefährdung. Vor allem sei moralische Überheblichkeit völlig fehl am Platz, wenn es darum gehe, aus innerer Überzeugung das Richtige und Notwendige zu tun. Radikal sei bereits, um ein Beispiel aus der Gegenwart aufzugreifen, wer 'No Kings' sagt, wie derzeit in vielen amerikanischen Städten zu hören ist. Laut Schaub 'aus einer sehr schlichten Überzeugung heraus, nämlich: Mein Körper gehört nicht dem König und mein Geist nicht der Kirche', so die Philosophin. Radikal sei, wer also sagt, 'ich lasse mich nicht bevormunden, nur weil das ja so schön bequem ist.' 'Teilzeitradikalität' statt Heroismus 'Teilzeit-Radikalismus' nennt Schaub das, worunter sie 'smarte Formen der Unbedingtheit mit großer Distanz zu den heroischen Rändern' versteht. Anonymität, Kollektivität, Uniformität seien Merkmale dieser ganz anderen, smarten, unorthodoxen, oft lustbetonten Formen von 'Teilzeitradikalität'. Als historisches Vorbild führt sie dazu den exzessiven Maskengebrauch (Bauta) im Karneval der venezianischen Republik im späten Mittelalter auf, der für Anonymität, geschlechtliche und soziale Gleichheit sorgte und somit den Menschen unerhörte Freiheiten eröffnete. Auch in der antiken griechischen Komödie 'Lysistrata' erzählt der Dichter Aristophanes, wie teilzeitradikales Handeln wirken kann: Im Peloponnesischen Krieg (431 bis 404 v. Chr.) hatten sich die Frauen der verfeindeten Stadtstaaten Athen und Sparta verbündet und von ihren Männern durch Sexverweigerung die Beendigung des langwierigen Krieges erzwungen. Solche teilzeitradikalen Praktiken seien höchst wirkungsvoll. Gefragt nach Beispielen für smarte Radikalität in der jüngeren Geschichte verweist die Kulturphilosophin auf Willy Brandt, der 1969 erstmals Bundeskanzler wurde und mit dem Satz startete: 'Wir wollen mehr Demokratie wagen', war das laut Schaub eine radikale Ansage. Ebenso verweist sie auf den neuen New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani. In dessen Antrittsrede fänden sich 'smarte Formen der Unbedingtheit' in Hülle und Fülle. 'Radikalen Nachholbedarf' sieht die Kulturphilosophin auf Themengebieten wie dem Klima- und Umweltschutz, 'um uns Menschen vor der sozialen Ungleichheit und den sozialen Verwerfungen zu bewahren, die der Klimawandel mit sich bringt'. Und zwar eine Form von Radikalität, 'die sich von der heroischen, klassischen Form unterscheidet, wie sie kompromissbereit und offen in ihren Methoden durchgesetzt wird, nicht mit Arroganz und moralischer Überheblichkeit'. Nicht nur jungen Leuten gefällt es, die eigene Machtlosigkeit oder Ohnmacht durch innere Konsequenz und Unbedingtheit Lügen zu strafen. Vor allem junge Menschen seien empfänglich für radikale Ideen – ob in Musik (Punk oder Hip-Hop), politischer Überzeugung oder der Art, sich in Outfit, Körperschmuck oder Mode auszudrücken. 'Doch nicht nur jungen Leuten gefällt es, die eigene Machtlosigkeit oder Ohnmacht durch innere Konsequenz und Unbedingtheit Lügen zu strafen', ist Schaub überzeugt. Bei jungen Menschen sei die Diskrepanz 'zwischen Wunsch und Wirklichkeit mangels Netzwerk, finanziellen Mitteln, institutioneller Erfahrung etc. nur besonders groß', so dass in radikalen Ideen oft eine Lösung des Dilemmas gesehen werde. Das birgt allerdings auch Gefahren. Zum Beispiel die Gefahr, die der deutsche Begriff 'Radikalisierung' nicht ganz eindeutig beschreibt. Ein Prozess der 'Radikalisierung' führt bei Betroffenen am Ende eben nicht zu Radikalität, die vor allem auf sich selbst bezogen ist, so die Autorin, 'sondern zu Extremismus und Fanatismus'. Was sich dann oft genug in Gewalt niederschlägt, die sich gegen Menschen richtet, die politisch andere Wege gehen. Schaub: 'Ein starkes Motiv dafür scheint das Gefühl der Wert- und Sinnlosigkeit des eigenen, bisherigen Lebens zu sein. Im Kern sind es Verzweiflung, Ohnmacht, Wut, auch Selbsthass, die in eine irregeleitete Form von Sinngebung durch angemaßte Handlungsmacht umschlagen', so Schaub. Während die Philosophin in der Radikalität, die sie im Buch als 'smarte Formen von Unbedingtheit und Unerpressbarkeit' bezeichnet, ein starkes Bollwerk liberaler Gesellschaften gegen Bevormundung, Indoktrination und Angstmacherei sieht.

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