Steigende Inflationsrisiken treffen auf moderate Zinserwartungen – Deutsche Bank Research warnt, dass Aktien und Kredite unter Druck geraten könnten.
Die Finanzmärkte stehen nach Einschätzung von Deutsche Bank Research vor einer wachsenden Entkopplung: Während Energie-, Lebensmittel- und andere Rohstoffpreise den Inflationsdruck erhöhen, rechnen Anleger weiterhin mit einer nur begrenzten geldpolitischen Straffung durch die großen Zentralbanken, so die Analyse laut der US-Finanzplattform 'Seeking Alpha'.
Sollte sich diese Annahme als falsch erweisen, droht nach Ansicht der Bank eine Neubewertung von Aktien und Kreditpapieren. Die Warnung kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Anleihemärkte bereits deutlich unter Druck stehen. Ein jüngster Ausverkauf hat die Renditen an den globalen Bondmärkten auf Mehrjahreshochs getrieben. Gleichzeitig preisen die Märkte weiterhin ein vergleichsweise günstiges Szenario ein: robustes Wirtschaftswachstum, eine letztlich unter Kontrolle bleibende Inflation und nur moderate Zinserhöhungen.
Gerade diese Kombination hält Deutsche Bank Research für fragil. Denn sollten die Preise für Energie, Nahrungsmittel und andere Rohstoffe weiter steigen, könnten die Zentralbanken gezwungen sein, entschlossener gegen die Inflation vorzugehen, als es die aktuellen Markterwartungen nahelegen. Ein wesentlicher Teil des Risikos liegt laut der aktuellen Analyse in der Entwicklung der Energiepreise. Die Terminmärkte gehen offenbar davon aus, dass sich der jüngste Preisanstieg wieder abschwächt und die Energiepreise in den kommenden zwölf Monaten sinken werden.
Diese Erwartung trägt dazu bei, dass die Märkte trotz des aktuellen Inflationsdrucks weiterhin ein relativ günstiges Umfeld für Risikoanlagen unterstellen. Sollte der erwartete Rückgang jedoch ausbleiben, könnte sich die Lage schnell verändern. Höhere Energiepreise würden nicht nur die Verbraucherpreise unmittelbar erhöhen. Sie könnten auch die Produktionskosten der Unternehmen belasten, die Gewinnmargen schmälern und die Wachstumsaussichten verschlechtern.
Für Aktien und Unternehmensanleihen entstünde damit ein doppelter Druck: höhere Finanzierungskosten auf der einen und schwächere Gewinnerwartungen auf der anderen Seite. Deutsche Bank Research warnt insbesondere vor einem negativen Angebotsschock. Ein solcher Schock treibt die Preise nach oben, schwächt aber zugleich die wirtschaftliche Dynamik. Für die Geldpolitik ist das ein schwieriges Umfeld: Die Inflation spricht für höhere Zinsen, während das schwächere Wachstum eigentlich eine vorsichtigere Gangart nahelegen würde.
Bei dem Wirtschaftsnachrichtendienst"Bloomberg" weist der Deutsche-Bank-Stratege Henry Allen darauf hin, dass sich die Märkte entweder bei den Preisen oder den Zinsen irren. Allen sieht demnach eine grundlegende Diskrepanz zwischen den Erwartungen der Marktteilnehmer und der wirtschaftlichen Entwicklung. Entweder unterschätzen die Märkte den künftigen Preisdruck – oder sie unterschätzen, wie stark die Zentralbanken die Zinsen anheben müssten, um die Inflation einzudämmen. Beides zugleich kann auf Dauer nicht funktionieren.
"Bloomberg" berichtet zudem, dass sich der Preisdruck in Teilen der US-Wirtschaft wieder verstärkt. Genannt wurde unter anderem der ISM-Preisindex für den Dienstleistungssektor. Die Entwicklung dieses Indikators deutet darauf hin, dass die von Unternehmen gezahlten Preise deutlich anziehen. Historisch gingen vergleichbare Niveaus mit einer erhöhten Gesamtinflation einher.
Die aktuelle Lage ist deshalb anspruchsvoll: Deutsche Bank Research beschreibt einen schmalen Korridor, in dem die Märkte gut funktionieren können. Dafür müssten mehrere Annahmen gleichzeitig eintreffen: Die Energiepreise müssten nachgeben, die Inflation müsste sich abkühlen, die Zentralbanken dürften die Zinsen nicht deutlich stärker anheben müssen – und das Wachstum müsste stabil bleiben. Fällt nur eine dieser Annahmen aus, könnte es zu einer Neubewertung kommen. Fallen mehrere gleichzeitig aus, wären stärkere Verwerfungen an den Aktien-, Kredit- und Anleihemärkten möglich.
Für Anleger ist dabei vor allem die Entwicklung der Energie- und Rohstoffpreise entscheidend. Bleiben die Preise hoch oder steigen sie weiter, könnte die bisher eingepreiste Normalisierung der Inflation ausbleiben. In diesem Fall wären Aktien und Kreditmärkte anfällig für eine Neubewertung – insbesondere dann, wenn die Zentralbanken mit einer restriktiveren Geldpolitik reagieren müssten. Deutsche Bank Research warnt vor einer wachsenden Diskrepanz zwischen steigenden Inflationsrisiken und den vergleichsweise moderaten Erwartungen an die Geldpolitik der Zentralbanken.
Sollten Energie-, Lebensmittel- und Rohstoffpreise weiter steigen, könnten Aktien und Kreditmärkte vor einer deutlichen Neubewertung stehen. Höhere Energiepreise können die Kosten der Unternehmen erhöhen, Gewinnmargen belasten und das Wirtschaftswachstum schwächen. Gleichzeitig würden steigende Zinserwartungen die Finanzierung verteuern und die Bewertung künftiger Gewinne reduzieren. Dieser doppelte Druck macht Aktien und Unternehmensanleihen besonders anfällig.
Nach Einschätzung von Deutsche Bank Research könnten die Märkte das Risiko einer restriktiveren Geldpolitik der Federal Reserve und der Europäischen Zentralbank unterschätzen. Bleibt die Inflation hartnäckig, könnten beide Zentralbanken länger an höheren Zinsen festhalten oder die Zinsen stärker anheben als derzeit erwartet. Der Preis der Finanzinstrumente wird von einem Index als Basiswert abgeleitet. Die Börsenmedien AG hat diesen Index entwickelt und hält die Rechte hieran.
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