Die Mär vom Fachkräftemangel

Die Mär vom Fachkräftemangel
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Category: Business
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In allen möglichen Zusammenhängen wird erklärt, es gebe einen Fachkräftemangel, der nur durch Zuwanderung gelöst werden könne. Ein besonders absurdes Beispiel dafür lieferte nun der Handelsverband Deutschland – ausgerechnet mit Blick auf den bedrohten Einzelhandel. Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft kam zu dem Schluss, in Deutschland könnten bis 2029 etwa 39.100 Verkäuferinnen und Verkäufer im Einzelhandel fehlen. Der Autor der Studie, Alexander Burstedde, folgert daraus, hier drohe ein Fachkräftemangel. Aktuell gebe es etwa 870.000 Beschäftigte in diesem Bereich (ohne spezialisierte Fachverkäufer, wie im Lebensmittel- oder Buchhandel). Aber die Zahl werde sich in den kommenden Jahren deutlich verringern, weil viele das Rentenalter erreichten. "Gute Kundenberatung ist für viele Geschäfte überlebenswichtig, um sich von der Konkurrenz nebenan oder im Internet zu differenzieren", erklärte dazu Steven Haarke vom Handelsverband Deutschland gegenüber der Welt. Der Verband fordere von der Politik, das Zuwanderungsrecht zu vereinfachen und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern, indem Kinderbetreuungsangebote an Werktagen einschließlich samstags auch nach 17 Uhr zur Verfügung gestellt werden. Nur etwas mehr als ein Viertel der Unternehmen habe 2025 alle Ausbildungsplätze besetzen können. Das ist kein Wunder – in Nordrhein-Westfalen liegt der Tariflohn für fertig ausgebildete Verkäufer bei einer Arbeitszeit zwischen 37,5 und 40 Stunden bei 2.216 Euro – brutto. Erst ab dem 6. Berufsjahr erreicht er 3.219 Euro. Die Einkommen der oben erwähnten Fachverkäufer liegen auf demselben Niveau. Netto blieben davon für eine alleinstehende Person gerade einmal 1.588 Euro übrig. In vielen deutschen Städten wird es damit extrem schwierig, eine Wohnung zu finden, die nicht gleich die Hälfte des Einkommens verschlingt. In NRW gibt es jedoch noch einige Gegenden, in denen die Mietbelastung für eine fiktive alleinstehende Person mit diesem Einkommen unter 30 Prozent bleibt, also unter der Schwelle, die üblicherweise als stabil angesehen wird. Köln, Münster und Düsseldorf gehören allerdings nicht dazu. Noch extremer wird es, wenn man den bayerischen Tariflohn im Einzelhandel zugrunde legt, um zu fragen, ob sich davon in München leben lässt. Das Brutto liegt hier bei 2.216 Euro, das Netto bei 1.591 Euro. 30 Prozent Mietkosten ergäben eine Warmmiete von 477 Euro, die Kaltmiete läge bei 320 Euro. Die durchschnittliche Miete für ein WG-Zimmer, die in München von Studenten gezahlt wird, liegt bei 800 Euro. Das ist eines der Hauptprobleme: Die Einkommen reichen nur in jenen Gegenden aus, die für den Einzelhandel wenig attraktiv sind. Ob der Einzelhandel aber überhaupt mehr Personal braucht, ist ebenfalls fraglich. Seit 2010 ist die Zahl der stationären Einzelhandelsgeschäfte um mehr als 16 Prozent zurückgegangen. Größere Teile des Geschäfts haben sich in den Online-Handel verlagert, und seit Jahren häufen sich die Insolvenzen selbst größerer Ketten. Angesichts der Deindustrialisierung, der Inflation und der schlechten Einkommensentwicklung ist kaum davon auszugehen, dass der Konsum massiv steigen wird. Eher dürfte das Gegenteil der Fall sein. Das Einzelhandelssterben dürfte sich wieder beschleunigen. Aus dieser Lage eine Forderung nach mehr Zuwanderung abzuleiten, wie das der Sprecher des Handelsverbands tut, ist schwer nachvollziehbar.

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