'Alles muss neu', schreibt der Mann, der die CDU nach der krachenden Wahlniederlage in Sachsen-Anhalt neu aufstellen will, am späteren Montagabend in eine Whatsapp-Gruppe des Landesvorstands in seinem Bundesland. Der Absender der sechs Absätze umfassenden Nachricht ist Sepp Müller, gebürtiger Sachsen-Anhalter und Fraktionsvize der Union im Bundestag. Aber jetzt will er mehr.
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'Euch und unserem Land schulden wir einen glaubwürdigen Neuanfang', schreibt Müller in seiner Nachricht, die dieser Redaktion vorliegt, weiter. 'Deshalb kandidiere ich für den Landesvorsitz der CDU Sachsen-Anhalt.' Er wolle die Partei 'von Grund auf erneuern'. Und weiter: 'Gemeinsam müssen wir offen klären, was bleibt, was sich verändern muss und was wir vollständig neu denken müssen.'
Sachsen-Anhalt: Müller wendet sich an die Wahlkämpfer
Der Vorstoß des zwei Meter großen Müllers kommt nicht überraschend. Noch auf der Wahlparty konnte man Müllers Aussagen in einem TV-Interview so interpretieren, dass er Sven Schulze den Rückzug von der Landesspitze nahelegt. Schulze, CDU-Spitzenkandidat und Ministerpräsident, hatte zuvor eine herbe Wahlschlappe eingefahren. Müller macht in seinem Schreiben an die Parteifreunde deutlich, dass er die Schuld dafür auch bei der Bundespolitik sieht.
'Ihr', schreibt er, 'habt für unsere Heimat gekämpft, Familienzeit geopfert und euch für die Bundespolitik beschimpfen lassen. Habt einen Wahlkampf verteidigt, den ihr selbst manchmal kaum erklären konntet – und trotzdem weitergemacht.' Und weiter: 'Auch ich muss mich als stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Bundestag fragen, was ich versäumt habe und verändern muss, damit unsere Bundesregierung besser arbeitet.'
CDU-Landesvorstand ist über Müllers Vorgehen auch irritiert
Müller will jetzt dabei helfen, die CDU in seinem Bundesland neu aufzustellen. Ob ihm das gelingt, ist offen. Innerhalb des Landesvorstands sorgt Müllers Vorgehen auch für Irritationen. Denn Müller ließ das Gremium bei dem Treffen am Montagabend zunächst im Unklaren über seine Pläne. Erst nachdem Schulze vor die Presse trat, nutzte Müller die Gelegenheit, seine eigenen Ambitionen öffentlich zu erklären. Bei der vorherigen Sitzung habe er hingegen eher 'isoliert' gewirkt, berichten mehrere Teilnehmer. Nur einmal habe er das Wort ergriffen und Landeschef Sven Schulze für dessen Einsatz gedankt. Was spärlichen Applaus zufolge gehabt haben soll.
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Um nachvollziehen zu können, warum Teile der CDU so schlecht auf Müller zu sprechen sind, muss man auf den Donnerstag vor der Landtagswahl schauen. Müller postet auf X einen Wahlaufruf, in dem er davor warnt, nach der Wahl mit der Linken zusammenzuarbeiten. Eine Partei, die 'in der Nachfolge der SED steht, deren Herrschaft für Unfreiheit und Leid in der DDR verantwortlich war und in der heute offen Antisemitismus propagiert und gefeiert wird', könne kein Partner christdemokratischer Politik sein.
Sepp Müller: Merz zerlegt ihn auf offener Bühne
Müller, Jahrgang 1989, hat die DDR nicht mehr bewusst erlebt. Doch er blickt kritisch auf das SED-Regime und die Linke. Als sich der Bundestag im vergangenen Jahr zur ersten Sitzung traf, hielt Müller bei der Rede von Alterspräsident Gregor Gysi (Linke) demonstrativ das Buch 'Die Täter sind unter uns' in die Höhe. Mit Blick auf seine Äußerungen kurz vor der Landtagswahl wird Müller nun aber vorgeworfen, dem Spitzenkandidaten Schulze eher geschadet als geholfen zu haben. Vor der Wahl galt eine Kooperation mit der Linken als einzige Machtoption der CDU.
Wie groß der Ärger über Müllers Äußerungen war, zeigt auch der Auftritt von Bundeskanzler Friedrich Merz, der Müller am Montagmittag im Konrad-Adenauer-Haus in Berlin öffentlich zerlegt. Ohne Müller beim Namen zu nennen, rügt CDU-Chef Merz dessen Agieren. Er habe in den Parteigremien darauf hingewiesen, 'dass es niemand von uns verstanden hat, dass wenige Tage vor dem Wahltermin ein stellvertretender Vorsitzender der Bundestagsfraktion dem eigenen Spitzenkandidaten so in den Rücken fällt, wie das drei Tage vor der Wahl bis zum gestrigen Tag anhaltend geschehen ist', sagt Merz. Müller selbst reagiert darauf erst einen Tag später: Er teile die Äußerungen nicht, sagt er schlicht.
Müller stammt aus Lutherstadt Wittenberg. Weil seine Familie aus glühenden Bayern-Fans besteht, wurde er 'Sepp' genannt – nach dem früheren Bayern-Torhüter Sepp Maier. Für einen Ostdeutschen ein eher ungewöhnlicher Vorname. Der CDU-Politiker, der als Ziehsohn des langjährigen Ministerpräsidenten Reiner Haseloff gilt, sitzt seit 2017 im Bundestag. Zuletzt leitete er gemeinsam mit dem SPD-Abgeordneten Armand Zorn die sogenannte Taskforce Tanken, die nach dem Iran-Krieg und steigenden Energiepreisen über Entlastungen beriet – und dafür den Tankrabatt vorschlug, der bis Ende Juni galt.
Sepp Müller ist mit einem CSU-Abgeordneten verheiratet
In Berlin sorgte Müller nicht nur politisch für Aufsehen. Zuletzt rückte auch sein Privatleben in den Fokus. Müller lebt offen homosexuell. Seit diesem Jahr ist er mit einem Fraktionskollegen, Wolfgang Stefinger (CSU), verheiratet. Beide sind das erste schwule Ehepaar im Bundestag. 'Aus dem ‚Du und Ich' ist jetzt ein ‚WIR' geworden. Wir haben JA gesagt und freuen uns auf alles, was da kommt', postete Müller im Sommer auf seinen Social-Media-Kanälen. Aus einer früheren Beziehung hat der 37 Jahre alte Müller einen Sohn.
Wolfgang Stefinger (CSU, l.) und Sepp Müller (CDU) sind das erste schwule Ehepaar im Bundestag.
© picture alliance/dpa | Michael Kappeler
In Sachsen-Anhalt soll nun auf einem Sonderparteitag im November oder Dezember der gesamte Landesvorstand neu gewählt werden. Denkbar ist, dass es weitere Kandidaten neben Müller geben wird. Sicher ist, dass auch Müller noch an seinen Zustimmungswerten arbeiten muss: Bis Dienstagmorgen soll er auf seine Nachricht in der Whatsapp-Gruppe nur einen 'Daumen hoch' als Reaktion erhalten haben.
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