Missbrauch und Vertuschung: Pater Anselm Grün soll geständigen Missbrauchstäter gedeckt haben
Von: Elisabeth Elling
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Bestseller-Autor und Seelsorger: Pater Anselm Grün ist Benediktinermönch der Abtei Münsterschwarzach. © Daniel Karmann/dpa
Die Aufarbeitungskommission des Erzbistums Paderborn erhebt schwere Vorwürfe gegen den Bestseller-Autor. Ein Journalist hatte den Fall bereits 1992 belegt.
Paderborn/Münsterschwarzach – Pater Anselm Grün ist einer der populärsten katholischen Theologen Deutschlands. Der Benediktiner-Mönch und Bestseller-Autor ist möglicherweise auch ein Vertuscher sexuellen Missbrauchs: 1992 soll er in einem Fall aus dem Erzbistum Paderborn einen geständigen Priester-Täter gedeckt und dessen Versetzung ins Bistum Würzburg gefördert haben, wo dieser wieder als Seelsorger arbeitete. Diesen Vorwurf erhebt die Unabhängige Aufarbeitungskommission (UAK) des Erzbistums in ihrem neuen Jahresbericht. Vor allem aber gibt es einen Zeitzeugen: Wolfgang Stüken, der als Journalist bei der Tageszeitung 'Neue Westfälische' in Paderborn den Fall aufdeckte.
Der Vikar ist im UAK-Bericht anonymisiert. Er soll hier Hans Weißgerber heißen; sein richtiger Name sowie die Kirchengemeinde sind der Redaktion bekannt. Er fasste im Oktober 1990 bei einem Messdienerlager nachts einem 16-Jährigen 'unter den Schlafanzug und befriedigte ihn bis zum Samenerguss', so die UAK. Ein weiterer Übergriff folgte im Dezember. Nachdem der Jugendliche bei den Messdienern austrat, wurde seine Familie zu Tages- und Nachtzeiten mit anonymen Anrufen traktiert. Per Fangschaltung überführte die Polizei im März 1992 schließlich den Täter. Es war der Vikar.
Das Recollectio-Haus: Hier kam Vikar Weißgerber 1992 nach Missbrauchsvorwürfen unter. © IMAGO
Die Familie, die 'auf inständiges Bitten' des Jungpriesters den Missbrauch 1990 nicht angezeigt hatte, kündigte nun eine Strafanzeige an, forderte die Kosten für die Fangschaltung und ein Schmerzensgeld von 3000 Mark. Damit wäre die Sache öffentlich geworden. Die Paderborner Verantwortlichen reagierten wie üblich: Die Institution wurde geschützt, der Fall vertuscht, der Täter tauchte ab. Eine zentrale Rolle spielte dabei das Recollectio-Haus der Benediktinerabtei in Münsterschwarzach (siehe Kasten) – eine Art Waschsalon für Missbrauchstäter, die von dort mit weißer Weste in eine andere Gemeinde gehen konnten.
Das Recollectio-Haus für Kleriker mit Problemen
Ins Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach können seit 1991 Kleriker gehen, um 'sich körperlich, psychisch und geistlich-spirituell zu sammeln und für die pastorale Rolle und Aufgabe zu stärken', wie es auf der Website heißt. Burn-out, Suchtprobleme oder Missbrauchsvorwürfe sind häufige Gründe. Geistlicher Leiter ist seit 35 Jahren Pater Dr. Anselm Grün OSB.
Der Fall Weißgerber ist nur einer von möglicherweise Dutzenden, in denen Missbrauchstäter nach mehrmonatigem Aufenthalt ('Auffrischungskurs') in die Seelsorge zurückgeschleust wurden, wo es dann möglicherweise zu weiteren Taten kam. Für Weißgerber ist das allerdings nicht bekannt.
Finanziert wird das Haus von den Bistümern Augsburg, Freiburg, Fulda, Köln, Limburg, Mainz, München-Freising, Paderborn, Rottenburg-Stuttgart und Würzburg. Genaue Zahlen über die Priester und Diagnosen kann ein Sprecher der Abtei nur für die letzten zehn Jahre nennen (1700 Gäste, davon etwa 50 Prozent Priester). Auf den Missbrauchsskandal, der 2010 bekannt wurde, habe man reagiert: 'Sexuell übergriffige Menschen werden seit 15 Jahren nicht mehr aufgenommen.'
Das Recollectio-Haus könnte aber zumindest zuvor von zentraler Bedeutung bei der Vertuschung von Missbrauch in deutschen Bistümern gewesen sein. Der Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz fordert unabhängige Aufklärung.
Telefonterror gegen die Familie
Konkret: Der Gemeindepfarrer suchte die Familie auf und brachte sie von der Anzeige ab, indem er die Eltern vor der 'hohen Belastung für den Sohn' warnte, 'wenn er zu den homosexuellen Handlungen aussagen müsste'. Gegen eine Zahlung von 2500 Mark wurde Stillschweigen vereinbart.
Ebenso heimlich verschwand der Vikar ins Recollectio-Haus unter die Obhut von Pater Dr. Anselm Grün OSB, dem Geistlichen Leiter.
Der Pfarrgemeinde wurde mitgeteilt, Weißgerber müsse wegen einer schweren Hauterkrankung Medikamente nehmen, die gravierende physische und psychische Nebenwirkungen hätten. Die 'Telefonbelästigungen' seien darauf zurückzuführen, dafür gebe es ein ärztliches Attest. Und weiter: 'Es muß uns allen daran gelegen sein, Schaden von der Gemeinde und allen Betroffenen abzuwenden, insbesondere mäßigend der Verbreitung von unbewiesenen Gerüchten entgegenzutreten.'
Klar ist, dass P. Anselm damals eine wohlwollende Aussage [über Weißgerber], basierend auf seinem damaligen Kenntnisstand, getätigt hat. Diese hat sich im Nachgang leider als Fehlurteil erwiesen.
Wolfgang Stüken recherchierte das alles: den Missbrauch und den Telefonterror, die Legende von der Hautkrankheit und den Aufenthaltsort des Vikars, das Recollectio-Haus. Am 25. Juni 1992 war außerdem die Reaktion von Pater Anselm Grün nachzulesen, mit dem Stüken telefoniert hatte: 'Erfundene Gerichte – Vikar [Weißgerber] hat sich absolut nichts zuschulden kommen lassen.'
Das war falsch. Gegenüber der Familie und der Staatsanwaltschaft, die wegen Stükens Artikeln ermittelte, hatte Weißgerber den Missbrauch gestanden. Trotzdem bürgte Grün dafür, dass Weißgerber nicht homosexuell sei: 'Hierfür könne er nach zwei Monaten Aufenthalt des Beschuldigten im Recolletcio-Haus einstehen', so der UAK-Bericht.
Wolfgang Stüken deckte 1992 den Fall auf. © Elisabeth Elling-Ruhwinkel
Grün ist bekannt als aufgeschlossener Seelsorger und Autor frommer Lebenshilfe-Bücher mit Millionen-Auflagen in aller Welt (zuletzt: 'Momente des Glücks'). Er führte als Cellerar die Wirtschaftsbetriebe der Abtei und veranstaltet Manager-Seminare (demnächst: 'Führen mit Werten'). Auf die Vorwürfe antwortete der 81-Jährige zunächst knapp: 'Ich kann mich an den Fall nicht erinnern und schließe das auch aus.'
'Fehlurteil' über den Täter-Priester
Dass Grün sehr wohl Taten vertuscht und einen Täter gedeckt hat, hatte Stüken damals präzise belegt; auch in der historischen Missbrauchsstudie für das Erzbistum Paderborn taucht der Fall auf (Code: P30). In Münsterschwarzach wurden die Vorwürfe auf Nachfrage unserer Zeitung geprüft, und am Dienstag teilte ein Sprecher mit: Pater Anselm habe Stüken gegenüber 'damals eine wohlwollende Aussage, basierend auf seinem damaligen Kenntnisstand, getätigt', die sich 'im Nachgang leider als Fehlurteil erwiesen habe'. An den 'Betroffenen' (gemeint ist der Vikar) erinnere er sich nach 34 Jahren 'nur vage'.
Grün hatte sich im Juni 1992 gegenüber dem Erzbistum Paderborn bereiterklärt, den Vikar in die Abtei aufzunehmen. Doch der wollte dann doch lieber in einer Gemeinde arbeiten und wechselte ins Bistum Würzburg. Laut Grün ging die Initiative dazu vom Erzbistum Paderborn aus, die Bistümer hätten die Angelegenheit dann geregelt. Ein solcher Wechsel war ein üblicher Weg, Priester-Täter weiter als Seelsorger zu verwenden. Gegen die 'positive Einschätzung', mit der Weißgerber aus dem Recollectio-Haus entlassen wurde, gab es laut Missbrauchsstudie interne Bedenken in Würzburg. Doch die blieben ohne Folgen.
Ab September 1992 war Weißgerber Kaplan, später Pfarrer in verschiedenen Gemeinden. 2009 gab er 'überraschend' und 'aus gesundheitlichen Gründen', wie die Lokalzeitung meldete, nach neun Jahren sein Pfarrer-Amt auf. Der Würzburger Bischof ließ ihn nach Erfurt ziehen, für eine theologische Doktorarbeit. Die gab er irgendwann auf, blieb aber in Erfurt. 2021 versetzte ihn der Bischof in den einstweiligen Ruhestand.
Derartige Orts- und Richtungswechsel sind in vielen Fällen Anhaltspunkte für weitere Verfehlungen, doch dafür gibt es bei Weißgerber derzeit keine konkreten Hinweise.
Er akzeptierte 1992 einen Strafbefehl für die eingestandenen Straftaten nach § 175 StGB; welches Leid er seinem Opfer und dessen Familie zufügte, kann kaum zu hoch geschätzt werden.
Falscher Persilschein für die Mutter
Der Fall zeigt aber auch, unter welchem Druck schwule Priester standen und oft bis heute stehen: Der größte anzunehmende Schaden war aus Sicht der Verantwortlichen – von Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt über Generalvikar Bruno Kresing und Personalchef Gerhard Horstkemper bis zum Gemeindepfarrer – nicht dem 16-Jährigen zugefügt worden. Sondern er bestand in der Möglichkeit, dass der Vikar als Homosexueller geoutet würde. Dabei war in den 1990ern längst bekannt, dass es viele schwule Priester und Priesteramtskandidaten gab, aber das wurde eisern beschwiegen – nachzulesen auch in der Paderborner Missbrauchsstudie.
Sich die eigene Sexualität nicht eingestehen zu können, macht homosexuelle Priester zu Opfern ihrer Kirche. Das große Verdrängen führt zu Angst, Scham und Aggression, wie sie sich in Weißgerbers Telefonattacken zeigten. Und es war am Ende auch wohl der Grund für den Persilschein, den im November 1992 Personalchef Horstkemper für die Mutter des Vikars verfasste. Horstkemper schrieb ihr, 'die Bistumsleitung gehe nicht nur davon aus, sondern wisse, dass die Inhalte der Zeitungsartikel [über den Sohn] nicht der Wahrheit entsprächen'.
Kein frommer Wunsch, sondern eine Lüge.
Eine Missbrauchsstudie enthüllt 210 beschuldigte Kleriker im Erzbistum Paderborn. Es gibt auch Vorwürfe gegen den früheren Erzbischof selbst.
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