'Ich genieße nur noch'
Bodensee • Lesedauer: 9 min.
Viel passiert eigentlich nicht, wenn man Björn Schaffrina Pollin und Mike Hagenlocher vom Überlinger Ufer des Bodensees aus beim Tauchen zuschaut. Zwei Köpfe, dicht in Neoprenanzüge gehüllt, eine orangefarbene Rettungsboje und ab und zu ein kleiner Platscher, wenn die langen Flossen nach oben flutschen und dann im Wasser des Bodensees in Überlingen verschwinden.
Taucher im Bodensee: Der Zauber passiert unter Wasser
Der eigentliche Zauber passiert unter Wasser, in bis zu 30 Metern Tiefe, wenn die beiden Apnoetaucher mit einem tiefen Atemzug nach unten tauchen. Dann wird es still in ihnen drinnen und sie vergessen die Welt da oben.
+++ Unterwasseraufnahmen vom Apnoetauchen sehen Sie oben im Video. +++
Denn genau das ist der Grund, den Schaffrina, Hagenlocher und ihre Kollegen Alexander Stotkiewitz und Aaron Kunert als Erstes nennen, wenn sie gefragt werden, was sie an dieser Sportart reizt. Das zur Ruhe kommen, das Gefühl, die Welt da oben vergessen zu können und ganz bei sich zu sein. 'Das Abtauchen ist wie eine Meditation', sagt Stotkiewitz. Vor allem ab 10 bis 15 Metern Tiefe, wenn es zu einem Ausgleich zwischen Auftrieb und Gewicht kommt und der Körper passiv nach unten sinkt. 'Man sinkt von allein und ich genieße nur noch', erzählt Hagenlocher.
Das Zwerchfell muss beweglich sein
Überlingen am Bodensee im Sommer. Knallblauer Himmel, türkisfarbenes Wasser, einige wenige Badende. Schaffrina und Hagenlocher bereiten sich auf ihren Tauchgang vor. Die Atmung ist entscheidend. Sie dehnen, winden und drehen ihre Oberkörper auf der Wiese am See. Dabei ist das Zwerchfell, der zentrale Atemmuskel, besonders wichtig. Locker soll es sein und möglichst flexibel. Auch der Brustkorb soll weich und gedehnt sein. Schaffrina zieht den Bauch maximal nach innen und hilft mit den Händen nach. Der Bauch vibriert und scheint ein tanzendes Eigenleben zu haben.
Die beiden Männer atmen so viel ein wie möglich. Später, wenn sie in der Tiefe sind und das Wasser mit enormem Druck die Eingeweide nach innen drückt, darf nichts zwicken oder verspannt sein.
Die Lunge selbst besteht aus zwei Lungenflügeln mit verschiedenen Lungenlappen, die sich zu unzähligen Ästen mit tausenden kleinen Lungenbläschen, den Alveolen und Alveolaren, verzweigen und somit die Oberfläche der Lunge auf 100 bis 140 Quadratmeter vergrößern.
Anders als das Herz kann die Lunge selbst nicht trainiert werden, wie der Stuttgarter Tauchmediziner Stephan Koegel erklärt. Stattdessen hängt das Lungenvolumen von den Rückstellkräften des Brustkorbs und der Kraft des Zwerchfells und der Atemhilfsmuskulatur ab. Bis zu zehn Liter Luft gehen in die Lunge hinein, ein kleiner Rest, das Residualvolumen, bleibt immer zurück.
Am Überlinger Ufer bereitet Hagenlocher seinen Neoprenanzug vor. Je nach Temperatur ist er dicker oder dünner. Im Winter bis zu acht Millimeter dick, was viel Auftrieb bedeutet und mehr Blei um den Hals und die Taille als Ausgleich erfordert. Er kippt eine umweltfreundliche Flüssigkeit in den Anzug, damit er diesen wie eine zweite Haut überziehen kann, schnallt sich die Taucheruhr für die zeitliche Orientierung um das Handgelenk und legt einen kleinen Bleiring um den Hals. Sein Tauchanzug ist tarnfarben, Tauchkollege Schaffrina streift sich ein weißes T-Shirt über den Neoprenanzug. 'So wird man unter Wasser besser gesehen', sagt er. Flossen an und rein ins Wasser.
Viel Zeit nehmen vor dem Abtauchen
Tauchmediziner Koegel aus Stuttgart ist selbst praktizierender Apnoetaucher. Er kam bei einem Schnupperkurs Ende der 1980er-Jahre auf den Geschmack und wechselte vom Gerätetauchen zum schwerelosen Erkunden unter Wasser. Die ersten Atemübungen, die er damals absolvierte, mögen überraschen, denn 'Apnoe-Atmen' geht auch an Land. 'Wir lagen in einem Raum, wo sonst Yoga gemacht wird und da sollten alle so lange wie möglich die Luft anhalten', erzählt er. Er stellte sich gelbe Rapsfelder vor und schaffte direkt zwei Minuten und 15 Sekunden. 'Das hat mich fasziniert.'
Im Wasser selbst helfe der Tauchreflex, den Körper herunterzufahren, erklärt er. Sobald die Stirn und der Mund kaltes Wasser berühren, sinkt der Puls. Deshalb liegen Schaffrina und Hagenlocher auch zunächst reglos bäuchlings neben der orangefarbenen Boje in Ufernähe. Der Schnorchel ermöglicht ihnen, die Atmung zu kontrollieren und Stück für Stück in eine Entspannung zu kommen. 'Wichtig ist, sich Zeit zu nehmen. Bis zu sieben Minuten', sagt Tauchkollege Aaron Kunert aus Konstanz.
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Im Wasser am Bodensee geschieht deshalb zunächst wenig Spektakuläres. Ein bisschen Wasserplätschern, ab und zu erhebt sich eine Flosse, aber eigentlich sieht man nur zwei Köpfe mit Schnorcheln aus dem Wasser ragen.
Dabei sinkt ihr Puls allmählich ab. Dann noch einmal maximal einatmen, den Bauch füllen, bis er sich rund nach vorn wölbt, ruhig ausatmen - 'ich zelebriere das', sagt Aaron Kunert. Unter Wasser wird nicht abgeatmet. 'Was man oben einatmet, ist der Vorrat', sagt Koebel. Von diesem zehrt der Körper während des Tauchens, bei Profis können das bis zu fünf Minuten beim statischen Apnoetauchen im flachen Wasser und über 100 Meter Tiefe beim tiefen Tauchen sein. Bei den Apnoetauchern vom Bodensee sind es bis zu 35 Meter, für die sie rund zwei Minuten brauchen.
Zum Apnoetauchen sei der Bodensee richtig gut, findet Kunert. 'Bombastisch von der Topografie – nördlich der Mainau hat es steile Hänge, man hat ausreichende Tiefe, ohne mit dem Boot rausfahren zu müssen.' Ein Nachteil bei Süßwasser sei jedoch der sogenannte Thermoclean-Effekt, weil Süßwasser im Gegensatz zu Salzwasser weniger durchbewegt werde. Tiefe kalte Wasserschichten behalten ihre Kälte und es wird, 'sehr plötzlich, sehr kalt.'
Der Bodensee eignet sich optimal zum Tauchen
Auch die Sicht ist im Sommer nicht optimal. Hagenlocher und die anderen Taucher stört das nicht. Viele von ihnen schließen unter Wasser ohnehin die Augen, um das Gefühl der Schwerelosigkeit noch besser spüren zu können.
Und dann geht es für Hagenlocher hinab in die Tiefe, das Seil an der Hand zur Orientierung und den Tauchbuddy Schaffrina oben an der Boje. Ein absolutes Muss beim Tauchen. 'Never dive alone', niemals allein Tauchen, eine absolut goldene Taucherregel, falls der Taucher doch die Orientierung verliert oder eine Ohnmacht durch zu viel CO₂ droht, denn natürlich birgt ein solcher Sport auch Risiken. 'Das ist genau das, wo wir niemals hinkommen wollen', sagt Kunert. Bei einem Wettkampf wäre man sofort disqualifiziert.
Kräftige Flossenschläge bringen ihn nach unten, bei rund zehn Metern tiefe neutralisiert sich der Auftrieb und die für ihn magische Zeit des schwerelosen Herabsinkens beginnt und er kann den Flossenschlag einstellen. Gegen den immensen Druck auf den Ohren helfe ein ständiger Druckausgleich, sagt Schaffrina. Nase zuhalten und kräftig pusten.
Sauerstoff in der Tiefe besser verwertet
An diesem Tag wird Hagenlocher rund 20 Meter tauchen und eine Minute und zehn Sekunden unter Wasser bleiben. Der CO₂-Gehalt im Blut steuert dabei den Atemreflex, den geübte Taucher lernen, zu steuern und bis zu einem gewissen Punkt zu unterdrücken. Die Verwertung des Sauerstoffs sei in der Tiefe sogar noch besser aufgrund des erhöhten Partialdrucks, sagt Tauchmediziner Koegel. Die Apnoetaucher wissen aus Erfahrung: Wenn man denke, es gehe nicht mehr, sei noch einiges an Luft in der Lunge.
Dennoch sei es wichtig, auf die eigenen Grenzen zu achten und achtsam mit dem eigenen Körper umzugehen. Etwas, dass Alex Stotkiewitz in seiner Funktion als Tauchlehrer seinen Schülern immer mit auf den Weg gibt. 'Jeder muss die absolute Freiheit haben, aufzutauchen, wenn man es möchte', ergänzt Kunert, der ebenfalls unterrichtet.
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Beim Aufstieg aus der Tiefe lässt der Partialdruck nach. Manchmal kann es zu Kontraktionen des Zwerchfells kommen, 'dann sollte man schon auf dem Weg zur Oberfläche sein', sagt Koegel.
Der Satz 'In der Ruhe liegt die Kraft', trifft auf wenige Sportarten so zu wie für das Apnoetauchen. 'Es gab Tauchgänge, da hatte ich den Eindruck ich habe mich runter- und wieder hochgeschlafen und und könnte direkt weiterschlafen', erzählt Aaron Kunert.
Adrenalin könne man unten in der Tiefe nicht gebrauchen. Das wisse der Körper und halte sich zurück. Selbst in brenzligen Situationen ist Ruhe die einzige Lösung. Alex Stotkiewitz erinnert sich an eine Situation bei Lindau. Da sei es unten schwarz wie die Nacht gewesen, als er plötzlich merkte, dass sich die kleine Sicherheitsleine verhakt hatte. Er blieb ruhig, tastete den Knoten, löste ihn und konnte wieder nach oben tauchen. Diese Erfahrung gab ihm Sicherheit. 'Ich habe gemerkt, ich kann es lösen.' Mit Stress und Adrenalin steige nur der Puls und der Atembedarf.
Den Tauchpartner beim Auftauchen genau beobachten
Hagenlocher kommt von seinem Tauchgang im Bodensee bei Überlingen wieder oben an. Sein Tauchpartner Schaffrina hat ihn dabei genau beobachtet und ihn bei rund 15 Metern empfangen. Sollten die Flossenbewegungen fahrig sein, könnte dies ein Zeichen für eine drohende Ohnmacht sein. Dem Tauchpartner genau in die Augen zu schauen und auf die Qualität der Bewegungen zu achten, gehört zu den Aufgaben des Partners.
Den vielleicht ersten Impuls, maximal nach Luft zu schnappen, muss Hagenlocher unterdrücken, denn ohnmächtig aufgrund von Sauerstoffmangel könne man auch außerhalb des Wassers werden, erklärt Mediziner Koegel. 'Wenn man auftaucht und es geschafft hat, hat man ein gutes Gefühl. Das befriedigt einen sehr.' Dann müsse man aber auch erst schauen, dass man den nötigen Sauerstoff wieder reinbekomme.
Hagenlocher dockt an der Boje an und atmet zunächst nur die Hälfte des noch vorhandenen Luftvorrats aus und sofort wieder ein, aber immer nur dosiert und halb so viel, wie er vom Gefühl vielleicht brauchen würde. Erst dann kann er zu normalen Atemzügen übergehen. 'Würde man komplett ausatmen, hätte man keinen Sauerstoff mehr in der Lunge', sagt Koegel. Ein Blackout wäre die Folge.
Hagenlocher und Schaffrina sind nach ihren Tauchgängen wohlbehalten oben angekommen. Es sei mehr ein Testlauf gewesen, sagen beide im Anschluss. Ein Gefühl der Entspannung tritt ein, manchmal auch eine große Müdigkeit. Und Hunger hätten sie dann auch, denn vor dem Tauchen sollte man wenig essen.
Den körperlichen Hunger stillen sie mit Essen, den nach dem Gefühl des freien Falls und der Schwerelosigkeit, bei ihrem nächsten Abtauchen im Bodensee.
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