Kiel. Deutschlands Schülerinnen und Schüler haben in der neuen Bildungsstudie Pisa so schlecht abgeschnitten wie nie zuvor. Muss das Land mehr Geld in die Hand nehmen? Ein Interview mit Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Dorit Stenke (CDU).
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Frau Ministerin, Deutschlands Schüler haben in der neuen Pisa-Studie so schlecht abgeschnitten wie nie. Hängen Sie jetzt Ihren Job an den Nagel?
Nein, das wäre nicht die Lösung. Dann müssten allein in Deutschland 15 weitere Ministerinnen und Minister darüber nachdenken, zurückzutreten. Wir sprechen über eine Entwicklung, die durch die Pisa-Studie in fast allen OECD-Ländern zu beobachten ist.
Das Kieler Bildungsministerium wird seit zehn Jahren von der CDU geführt. Erfolgreicher als Ihre Vorgänger waren Sie auch nicht. Warum nicht?
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Wir müssen die veränderten Rahmenbedingungen sehen: die Corona-Pandemie mit den langen Schulschließungen, aber auch gesellschaftliche Verunsicherung und Krisenerfahrung – all das erschwert gutes Lernen.
Der Studienleiter spricht von einer 'veränderten Schülerschaft'. Was ist damit gemeint?
Es sind sicherlich mehr Schülerinnen und Schüler mit Migrationserfahrung, darauf haben wir reagiert. Aber 'verändert' heißt vor allem: Wir sind als Gesellschaft individueller geworden. Für manche Kinder steht Bildung in der Familie nicht immer an erster Stelle – ein deutlicher Befund gerade für Deutschland. Besonders bewegt mich: Die Bildungserwartungen der Eltern sind stark zurückgegangen. Nur noch elf Prozent wünschten sich 2025 für ihr Kind einen Hochschulabschluss.
Wie erklären Sie sich das?
Ich habe diesen Befund noch nicht im Detail analysiert, aber er überrascht mich sehr – gerade wenn man bedenkt, wie viele Eltern sich das Gymnasium für ihr Kind wünschen. Genau deshalb nenne ich ihn: Er zeigt, dass Bildung in vielen Familien nicht mehr an erster Stelle steht. Die Pisa-Autoren empfehlen, wieder mehr mit den Eltern ins Gespräch zu kommen.
Erwartung an staatliche Regelung verdrängt Eigenverantwortung
Können Eltern etwas tun, um die Bildungschancen ihrer Kinder zu erhöhen?
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Ja, unbedingt. Alles, was ich mit einem Kind spreche und tue, ist Bildung. Wenn ich ihm stattdessen nur ein digitales Endgerät gebe, nicht vorlese, nicht mit ihm spreche, ihm nicht erkläre, dass dieser Käfer ein Marienkäfer oder gar kein Käfer, sondern eine Fliege ist, mache ich tagtäglich etwas falsch für seine Bildungsentwicklung. Zusammenhalt und gemeinsames Sprechen und Lernen müssen wir in den Familien wieder intensivieren.
Wir müssen deutlich machen, dass Bildung die Ressource ist, die wir selbst verantworten und steuern können – nicht der Staat allein.
Dorit Stenke (CDU)
Bildungsministerin
Woran liegt es, dass Eltern das offenbar zunehmend vernachlässigen?
Wir haben in unserer Gesellschaft die Erwartung entwickelt, dass der Staat sehr viel regelt – und man ihm Verantwortung abgibt, die man früher selbst übernommen hat. Der Ausbau der Ganztagsangebote ist da sicher auch eine Entsprechung. Aber ich persönlich – als Mutter und Erziehungswissenschaftlerin – habe damit nie verbunden, mich deshalb weniger um die Bildung meines Kindes zu kümmern. Bildung beginnt nicht erst in der Schule, sondern jeden Tag am Frühstückstisch, beim Vorlesen, beim gemeinsamen Sprechen.
Könnte es auch daran liegen, dass Eltern aus bildungsfernen Kreisen ihre Kinder nicht durch Abitur und Studium von sich entfremden möchten?
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Das müssen wir uns genau anschauen, dazu gibt es Studien. Ich glaube aber nicht, dass Eltern bewusst denken: Du sollst nicht lernen, weil du dich dann von mir entfernst. Eher erklärt das, warum die Erwartungen an den Bildungserfolg des Kindes gar nicht erst hoch angesetzt werden – eine schwierige, sehr menschliche Frage.
Wie können Sie als Bildungsministerin diesem Trend entgegenwirken?
Wir müssen deutlich machen, dass Bildung die Ressource ist, die wir selbst verantworten und steuern können – nicht der Staat allein, sondern jede Familie. Deshalb setzen wir verstärkt auf den Dialog mit Eltern, etwa über Kitas und Elternarbeit an Schulen. Die abschließende Antwort habe ich noch nicht, aber ich halte diese Frage für eine der Schlüsselfragen, um das deutsche Pisa-Ergebnis zu verstehen.
Einzelkämpfer-Mentalität der Lehrer als bekannte Schwäche
Was sagen Sie den Lehrkräften? Macht weiter so?
Das wäre zu wenig. Wir werten die Studie gemeinsam mit den Lehrkräften aus und fragen, wo sie mehr Unterstützung oder eine andere Arbeitsumgebung brauchen – für die Schülerinnen und Schüler, aber auch für sich selbst.
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Braucht es dafür schlicht mehr Geld?
Nein. Die Studie zeigt: Deutschland hat im internationalen Vergleich mit die kleinsten Klassen. Es geht nicht um mehr Lehrkräfte für weniger Schüler, sondern um Unterrichtsorganisation – vor allem um die Zusammenarbeit der Lehrkräfte untereinander. In Deutschland ist Lehrersein noch immer ein Einzelkämpferdasein. Das macht mich betroffen, denn diese Schwäche kennen wir schon lange.
Was würde sich verbessern, wenn Lehrkräfte enger zusammenarbeiten?
Wenn ich mich mit Kollegen über den Bedarf von Kindern austausche, kann ich den Kindern besser helfen. An den Startchancen-Schulen sehen wir das schon: Dort plant man gemeinsam den Lehrplan – das sollten eigentlich alle Schulen tun, es wird aber sehr unterschiedlich gehandhabt. Wir müssen kooperative Strukturen schaffen, etwa durch zusätzliche professionelle Kräfte, die Zeit für Kooperation ermöglichen. Diese Zeit muss dann auch genutzt werden.
KN
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