Susanne Kerckhoff war jüngste Feuilletonchefin, eine Literatin, ein Stolz der Berliner Zeitung. Sie beendete ihr junges Leben selbst. Eine Ausstellung holt sie zurück
Den Abschiedsbrief von Susanne Kerckhoff, Feuilletonchefin der Berliner Zeitung, veröffentlichten ihre Freunde nach einigem Bedenken und gegen den mutmaßlichen Willen der mit 32 Jahren aus dem Leben Geschiedenen. Die wenigen Zeilen lauteten: 'An meine Freunde. Die Ursache, die im wesentlichen meinen Selbstmord bewirkt, ist der Verlust meiner Kinder. Meine letzten Gedanken gelten, trotz meiner persönlichen Schwäche, ganz allein dem Gedeihen der Deutschen Demokratischen Republik, der ich stärkere und fähigere und tapferere Menschen wünsche, als ich es bin.'
Ein erschütterndes Dokument aus einer mit Höchstspannung geladenen Zeit. Am 13. März 1950 hatte die Todesmeldung in der Berliner Zeitung gestanden. Zwei Tage später erschien der Brief 'An eine tote Freundin' mit Susanne Kerckhoffs verzweifelten letzten Zeilen. Er drückt die frischen, unmittelbaren Empfindungen ihr nahestehender Menschen aus, die sie verteidigen wollten gegen 'Menschen, die skrupellos und gemein sind, versuchen, Dich, kleine Susanne, zu besudeln und aus Deinem Freitod ein politisches Geschäft zu machen.
Wo sie sitzen, brauche ich Dir nicht zu sagen. Du hast Dich im Leben oft mit ihnen herumgeschlagen, obwohl es aussichtslos schien, Schmutzfinken dieses Formats ihr Lebenselixier aus den Händen zu winden.' Der Finger auf die 'Schmutzfinken' zeigte in den Westen, vor allem auf Maximilian Müller-Jabusch, CDU, Chefredakteur des in West-Berlin erscheinenden Boulevardblattes, später Träger des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik.
Die Teilung Deutschlands nahm ihr die Kinder
Was zuvor geschehen war, steht in dem Brief der Freunde auch: 'Ein westdeutsches Gericht hatte Dir das Fürsorgerecht abgesprochen, weil Du ein fortschrittlicher Mensch warst, weil Du ,links' standest, weil Du im ,Osten' unseres Vaterlandes wohntest, weil Du das Neue bejahtest.' Die 'unglückselige Spaltung unseres Vaterlandes' habe 'diese Brutalität' heraufbeschworen.
Wie der Hamburger Spiegel auf diesen tragischen Verlust reagierte, spricht Bände über die aufgeladene Stimmung. Am 23. März 1950 ballerte das 'Sturmgeschütz der Demokratie': 'Susanne Kerckhoff, literarische Hoffnung des Kommunismus und Kulturressort-Chefin der östlich orientierten Berliner Zeitung, beging Selbstmord. Die sowjetamtliche Tägliche Rundschau kommentierte, die junge Schriftstellerin habe offenbar die Nerven verloren. Zuvor war ihre ,schwankende ideologische Haltung' mehrfach in Rundschreiben der SED gerügt worden.' Kein Wort über ihr privates Motiv oder die unglückselige Verquickung privater und politischer Beweggründe.
Da ahnen wir längst, in welchem Umfeld diese Geschichte spielt: Der Kalte Krieg glitt ins Eisige, beide Seiten befestigten die propagandistischen Schützengräben. Auch in der soeben gegründeten DDR bekamen alle, die für einen wahrhaft demokratischen Neuanfang kämpften, Menschen wie Susanne Kerckhoff, wachsendes Misstrauen, Intrigen und Übleres zu spüren.
Susanne Kerckhoff, Foto aus ihrem Nachlass
© Camille Compere/Mitte Museum
Wer war diese junge Frau, die da zwischen die Mühlsteine geriet und zerrieben wurde? Was hatte sie getrieben? Ihre kurze Biografie ist randvoll. Aber selbst unter den vielen aus heutiger Sicht unglaublichen Lebensläufen sticht sie heraus.
Als Susanne Harich wurde sie 1918 in Berlin in ein bürgerlich-liberales Umfeld mit vielen Kontakten zu Künstlern wie Erich Kästner hineingeboren, sie schloss sich noch als Schülerin 1933 der verbotenen sozialistischen Arbeiterjugend an, veröffentlichte ab 1935 erste Texte, machte 1937 Abitur. Mit 19 heiratete sie den Buchhändler Hermann Kerckhoff mit Geschäft am Alexanderplatz, bekam die ersten beiden Kinder, studierte 1941 bis 1942 Philosophie.
Bei Kriegsende lebte sie mit den kleinen Kindern nahe der niederländischen Grenze im Emsland, arbeitete als Dolmetscherin, trat in die SPD ein. 1946 zog sie allein nach Ost-Berlin, ein Jahr später folgte die Scheidung. Das Sorgerecht erhielt 1949 ihr Mann – das war der Schicksalsschlag.
Rudolf Herrnstadt, erster Chefredakteur der Berliner Zeitung, bot Susanne Kerckhoff das Feuilleton an. Als Schriftstellerin und Dichterin war sie da bereits eine Berühmtheit, hatte seit 1946 einen Gedichtband ('Das innere Antlitz'), eine Erzählung ('Die verbrannten Sterne') und einen Roman ('Die verlorenen Stürme') veröffentlicht. Der Band 'Berliner Briefe' von 1948 brachte ihr höchste Anerkennung. Gerichtet an einen jüdischen, noch in der Emigration verweilenden Freund erzählt eine fiktive Helene vom Leben in der Trümmerstadt. Das Buch wurde 2020 neu aufgelegt.
Bei der jungen Berliner Zeitung war man stolz, eine solche Könnerin in den eigenen Reihen zu wissen. Das zeigen nicht zuletzt die erschütterten Nachrufe. In Andeutungen, die Zeitgenossen sicherlich enträtseln konnten, schrieb der große Schriftsteller Arnold Zweig, seit März Präsident der Deutschen Akademie der Künste der DDR, am 21. Mai 1950 in der Berliner Zeitung gedruckt, einen Brief 'An die Abwesende': 'Ja, Susanne, Du bist gemeint! Die Zeitung, der Du die letzten Jahre Deines Lebens so hingegeben widmetest', feiere fünfjähriges Bestehen: 'Und wo bist nun Du?'
Er überlegte: 'Es war zu schwer für Dich, Dein Schicksal, auch der Kampf war zu schwer, in den Du Dich stürztest.' Es sei schmerzhaft gewesen, 'von Deiner eigenen Generation so ätzende Güsse abwehren zu müssen, und dann nahm Dir ein Richter des Kalten Krieges das Recht auf Deine Kinder'. Zweig deutet beides an, das Leiden an den politischen Verkrampfungen wie das private Schicksal: 'So und aus anderen Bestandteilen, die wir nicht erraten, mischte sich Dir der Trank, der Dir die Lust am Leben nahm.'
Malte Nies/Mitte Museum Zur Ausstellung
Was: Ausstellung 'Lang ist es nicht her. Und jetzt ist es soweit. – Susanne Kerckhoff' zu der Schriftstellerin und Journalistin, die zu einer prägenden Stimme der frühen Nachkriegszeit in Berlin geworden war.
Wann: 10.9.2026–21.02.2027, Sonntag bis Freitag 10–18 Uhr
Wo: Mitte Museum, Pankstraße 47, 13357 Berlin. info@mittemuseum.de | www.mittemuseum.de
Wer: Kuratorin Heike Albrecht, Gestaltung Carsten Stabenow
Was noch: Künstlerische Interventionen von Jeanno Gaussi, likabari a.k.a. Melika Akbari, Eric Meier, Jens-Karsten Stoll und Peter Wawerzinek. Die Ausstellung begleitet ein umfangreiches Veranstaltungsprogramm. Eintritt frei.
In den Monaten zuvor hatte sie viele Rezensionen geschrieben, Artikel zum politischen Zeitgeschehen und eine Reihe zeitgenössischer literarischer Porträts unter der programmatischen Zeile 'Menschen in unserer Zeit', die großes Interesse fand. Am 30. September 1948 erschien das erste, es stellte Hans Joachim von R. vor, kleiner brandenburgischer Adel, junger WK-I-Leutnant. Kerckhoff schreibt: 'Der Krieg war seinen Wünschen angepasst wie eine geschmeidige Haut.' Danach stürzte er sich ins Berliner Vergnügungsleben, heiratete eine 'reiche und langweilige' Frau mit Grunewald-Villa, wurde Freikorpsler, nannte die Nazis 'ganz brave Leute'.
1940 ging der elitäre Nichtsnutz an die Front, nannte 1944 im Suff Hitler einen 'dilettantischen Hochstapler', kam vors Kriegsgericht, verschwand und schlug sich mit falschen Papieren als holländischer Fremdarbeiter bis zum Kriegsende durch. Eine Figur der Zeit, ein immer oben schwimmendes Fettauge – auch nach dem Krieg, denn nun stand Hans Joachim von R. als verfolgter 'Antifaschist' mit fleckenloser Weste da und machte Karriere als Industriefachmann in der amerikanischen Zone: 'Sein fürsprechendes Wort wiegt Gold bei den Entnazifizierungs-Kommissionen.'
Am 30. September 1948 erschien Teil 1 der Porträtserie 'Menschen in unserer Zeit' von Susanne Kerckhoff.
© BLZ
Es folgten Geschichten über 'Unsere Inge', Kleine-Leute-Tochter mit NS-Träumen, dann getäuschte Geliebte eines amerikanischen Offiziers, und vom 'Ungewöhnlich netten Werner', der nicht Nazi wurde und nach Kriegsende 'in Wilmersdorf in einem Kreis von mäßigen Künstlern und kleinen Schiebern' lebte, beliebt, weil es ihm 'wie kaum jemanden gelingt, das, ,was alle sagen', mit nachdenklicher Geschliffenheit zu bestätigen'. Vor allem wenn es 'gegen die Russen' geht.
Am 15. März 1949 erschien mit Teil 15 das letzte Porträt: 'Sie ist ,unsere Frau Doktor''. Es geht um eine verehrte Ärztin, die sich an der Nachkriegsnot der Berlinerinnen keine goldene Nase mit Abtreibungen verdiente, Betriebsärztin wurde, sich von Politik fernhielt und das tat, weshalb sie Ärztin geworden war: kranke Menschen gesund machen.
'Jetzt ist es soweit': Susanne Kerckhoff im Mitte Museum
In der Ausstellung 'Lang ist es nicht her. Und jetzt ist es soweit – Susanne Kerckhoff', die ab 10. September im Mitte Museum zu sehen ist, gibt die Kuratorin Heike Albrecht der außergewöhnlichen Porträtreihe über die Nachkriegsgesellschaft, in der die kurz zuvor noch Millionen zählenden Nationalsozialisten irgendwie wegdiffundiert waren, einen zentralen Platz.
Es geht um Schuld, Entnazifizierung, Antisemitismus, Demokratie. Brillante Stücke voller Brüche und Überraschungen, fern von Helden- oder Bösewichtklischees. Eine Erleuchtung, das zu lesen. In den Ankündigungen heißt es, die Ausstellung erschließe dieses Werk erstmals systematisch. Das wird spannend.
Der Susannne Kerckhoff gewidmete Gedenkband 'Zeit, die uns liebt' erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle. Zum ersten Todestag druckte die Berliner Zeitung einen Text daraus – und eine zarte Zeichnung, die die Schriftstellerin heiter zeigt.
© BLZ
Die in die Alltagsberichterstattung der Berliner Zeitung eingestreuten Gedichte Kerckhoffs zeigen immer wieder auch die zarte, sensible junge Frau – die sich zugleich unerschrocken und kämpferisch in politische Kontroversen stürzt. Sie kritisierte das Verfahren bei der Vergabe der neu geschaffenen Nationalpreise, wollte mehr Mitsprache der Bevölkerung. Vor allem aber löste sie mit Vorwürfen gegen ein wichtiges Buch, ein Pionierwerk der Nachkriegszeit von einem holländischen Schriftsteller, der über sein Dasein als Häftling im KZ Dachau geschrieben hatte, eine unheilvolle Debatte aus.
Am 19. Oktober 1949 erschien der Text, betitelt: 'Ein offener Brief an Nico Rost. Über polenfeindliche Tendenzen in dem Erlebnisbuch ‚Goethe in Dachau''. Zitat um Zitat versucht Kerckhoff, ihm Feindseligkeit gegenüber dem polnischen Volk nachzuweisen. Eine Passage über seine Mithäftlinge lautete: 'Die Polen sind hier verhasst. Ich kann das nachempfinden, denn ich selbst kenne auch nur sehr wenige polnische Häftlinge, die mir sympathisch erscheinen.'
Drei Tage später reagierte der Schriftsteller Stephan Hermlin in der Täglichen Rundschau, Organ der sowjetischen Militäradministration, scharf. Er warf ihr vor, ein Moskauer Theaterstück, das er zuvor positiv rezensiert hatte, schlecht beschrieben zu haben. Er raunte: 'Wir warten darauf, dass sie im jungen Karl Marx, der ‚Zur Judenfrage' schrieb, den Antisemiten findet.' Schließlich erhob Hermlin Antifaschisten generell in den Status der Unangreifbarkeit.
Susanne Kerckhoff verteidigte sich am Tag darauf energisch. Aber die Attacke muss an ihr genagt haben – und es wird nicht die einzige gewesen sein. Irina Liebmann, Tochter Rudolf Herrnstadts, schreibt in ihrem Buch 'Wäre es schön? Es wäre schön!' zu der Kontroverse, Nico Rost habe sich bedroht gefühlt. In die Ränke sollen auch Susanne Kerckhoffs Halbbruder Wolfgang Harich, SED-Chef Walter Ulbricht und DDR-Ministerpräsident Otto Grotewohl verwickelt gewesen sein.
Nico Rosts Buch wurde eingestampft und mit diesem das Recht, die Wahrheit über das eigene Leben zu verbreiten. Zum Schicksal Kerckhoffs schreibt Irina Liebmann: 'Die das Drama auslösende jugendliche Naive drehte den Gashahn auf.'
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