Drohne trifft SBU-Hauptquartier in der Ukraine: Experte erklärt Russlands neue Technik – 'Großer Wandel'
Von: Kristina Thomas
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Putins Armee attackiert erfolgreich das Hauptquartier des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes. Möglicherweise spielte 'russisches Starlink' eine Rolle.
Kyjiw – Der gezielte Drohnenangriff Russlands auf den Interimschef des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU, Oleksandr Poklad, deutet nach Einschätzung des Drohnenabwehr-Experten Marc Lange auf das Zusammenspiel mehrerer technischer Neuerungen hin. In der Ukraine hält man sich zu den Details des Angriffs auf den hochrangigen Geheimdienstmitarbeiter weiterhin bedeckt. Aus den wenigen öffentlich bekannten Informationen lassen sich aber zwei mögliche Szenarien rekonstruieren, wie Lange unserer Redaktion sagt.
Rauch aus dem SBU-Hauptquartier: Wladimir Putins Armee verfügt offenbar über neue Mittel für Präzisionsschläge im Ukraine-Krieg. © Mark Edward Harris/Zuma/Imago/Kirill Kazachkov/picture alliance/dpa/Roscongress Foundation via AP
Eine russische Drohne hatte am Freitag, mitten im Zentrum von Kyjiw, das SBU-Hauptquartier getroffen. Da war die amerikanische Delegation gerade auf dem Weg nach Moskau. Laut Präsident Wolodymyr Selenskyj war das Fluggerät direkt auf das Büro des kommissarischen SBU-Chefs Poklad gerichtet. Poklad befand sich nach Angaben des SBU zum Zeitpunkt des Angriffs nicht in seinem Büro und blieb unverletzt. 'Die Russen werden eine schmerzhafte Reaktion auf ihre Angriffe erhalten – noch mehr Spezialoperationen, aufgedeckte Spionagenetzwerke und vernichtete Feinde', hieß es dazu am Freitag auf Telegram.
Putins Schlag gegen SBU-Hauptquartier: Experte sieht Anzeichen für gezielte Spezialoperation
Wie die Drohne die Luftabwehr umgehen und eines der am besten geschützten Gebäude der Hauptstadt erreichen konnte, ist bislang nicht öffentlich geklärt. Der Angriff erfolgte mitten am Tag in der Wolodymyrskastraße, direkt gegenüber der historischen Sophienkathedrale, die ebenfalls beschädigt wurde. Nach Angaben ukrainischer Behörden wurden bis zu 15 Menschen verletzt. Die Slowakei bestellte den russischen Botschafter aufgrund des Einschlags in unmittelbarer Nähe zur slowakischen Botschaft ein.
Die Menschen vor Ort beunruhigte besonders ein Detail: Der Luftalarm wurde um 15 Uhr ausgelöst und endete um 15.30 Uhr, also nur Sekunden nach dem Einschlag – was weitere Fragen zur Erkennung durch die Luftabwehr aufwirft. Serhii 'Flash' Beskrestnow, ein Berater von Selenskyj, vermutete auf Telegram, die Drohne sei möglicherweise online über einen nahegelegenen MESH-Funkverstärker mit Internetzugang gesteuert worden. Diesen könne ein russischer Agent 'irgendwo in der Nähe, im Umkreis von fünf Kilometern' aktiviert haben. Ein solches Gerät habe die Größe eines halben Schulrucksacks.
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Später schrieb Beskrestnow, Aufzeichnungen zeigten eine Flugbahn der düsengetrieben Drohne des Typs Geran-4 aus der ostukrainischen Region Donezk auf einer Höhe von sieben Kilometern. 'Anders gesagt: Wir wissen, wer die Drohne startete und von wo sie kam.' 'Übrigens flogen während dieser Spezialoperation gegen den SBU zwei strahlgetriebene Drohnen in Formation nach Kyjiw. Eine ist angekommen.'
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Die ukrainische Luftwaffe äußerte sich bis Dienstagnachmittag nicht zum Vorfall. Der Leiter der Kommunikationsabteilung, Jurij Ihnat, ließ eine Anfrage des Münchner Merkur von Ippen.Media unbeantwortet. Lange, Verteidigungsberater für Drohnenabwehr bei der Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND), sieht Anzeichen für eine gezielte Spezialoperation. Üblicherweise würden Shahed-Drohnen beziehungsweise die russischen Geran-Drohnen über ein sogenanntes Inertial-Navigationssystem gesteuert. 'Die kommen also in Kyjiw meistens auf eine sehr billige Art und Weise an. Im Grunde genommen ist es ein bisschen wie das, was Sie in Ihrem inneren Ohr haben', erklärt er.
'Das ist schon mal sehr schnell': Wie Russland die ukrainische Drohnenabwehr jetzt umgeht
Bei diesen russischen Angriffen im Ukraine-Krieg sei Präzision bislang nicht entscheidend gewesen: 'Traurigerweise war es den Operatoren relativ egal, ob da der Kindergarten oder die Schule getroffen wird.' Die Drohnen hätten lediglich einen größeren Bogen um bestimmte Ziele wie Botschaften gemacht: 'Hauptsache Terror und die Zahl war wichtig.' Bei dem Angriff auf das SBU-Gebäude sei dagegen 'mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit' eine hochpräzise Variante zum Einsatz gekommen. 'Wir sehen jetzt hier quasi dass dieses Paradigma von den FPV-Drohnen – also die, die mit dem Headset gesteuert werden – in die Langstreckendrohnen eingezogen ist.' Bei dieser Entwicklung seien die Ukrainer führend, sagt Lange.
Für eine solche Präzision, die vor allem auch die ukrainische Luftabwehr umgehen kann, gibt es nach Einschätzung Langes mehrere technische Möglichkeiten. Entscheidend sei zunächst die eingesetzte Geran-4: Sie sei eine besonders leistungsfähige russische Drohne und könne bereits eine Reisegeschwindigkeit von bis zu 500 Stundenkilometern erreichen. 'Das ist schon mal sehr schnell', sagt Lange. Den entscheidenden technologischen Sprung sieht Lange im Vergleich zwischen Geran-3 und Geran-4.
In der Geran-3 seien bereits Nvidia-Jetson-Orin-Module getestet worden. Ursprünglich sollten sie vor allem dabei helfen, Abfangdrohnen auszuweichen. Inzwischen würden solche Module aber auch für computergestützte Bilderkennung und KI-gestütztes Ansteuern von Zielen eingesetzt – um der ukrainischen elektronischen Kriegsführung auszuweichen. Doch bereits die Geschwindigkeit helfe dabei, den ukrainischen Abfangdrohnen zu entkommen.
Ziel des russischen Angriffs: Wer ist SBU-Chef Oleksandr Poklad?
Poklad, 52, blickt auf eine 30-jährige Karriere im ukrainischen Sicherheitsapparat zurück. 2023 wurde er zum Vizechef des SBU ernannt. Im vergangenen Jahr war er Teil der ukrainischen Delegation bei den Verhandlungen in Istanbul. Seit Mitte Juli leitet er kommissarisch das Amt den SBU, nachdem Wolodymyr Selenskyj Evheny Khmara zum kommissarischen Verteidigungsminister ernannte.
Terminal Guidance, also computergestütztes und KI-gestütztes Ansteuern von Zielen, sei zwar eine weitere Innovation der Geran-4-Drohne und gewinne generell bei den täglichen Angriffen an der Front und im Hinterland an Bedeutung. Doch bei der aktuellen Spezialoperation sei sie wohl irrelevant: 'Warum? Ganz einfach. Meistens hat man bei Spezialoperationen ungefähr genau eine Chance. Und wenn man das vermasselt, dann baut da der Gegner plötzlich lauter starke Abwehrmethoden drumherum – was ja auch das große Fragezeichen hier ist in dieser Geschichte.'
Lange hält daher für unwahrscheinlich, dass KI bei der Ansteuerung eine Rolle spielte. Im Gegenteil: Die Drohne, die präzise ein bestimmtes Büro treffen sollte, muss händisch gesteuert worden sein. 'Das ist auch der Grund, warum die Ukrainer bei ihren Deep-Strikes aktuell so erfolgreich sind – aufgrund von Starlink haben sie oft noch die Möglichkeit, vor Ort händisch Drohnen ins Ziel zu fliegen, was Präzision ermöglicht.' Dafür brauche es vor allem eines: eine stabile Verbindung.
Eine Möglichkeit ist laut Lange ein sogenanntes Mesh-Netzwerk, wie auch Beskrestnow vermutet. Dabei leiten mehrere Knotenpunkte Daten untereinander weiter, bis sie an einer Stelle mit dem Internet oder einem anderen Kommunikationsnetz verbunden werden. Für eine Drohne ließe sich ein solches Netzwerk mit entsprechenden Modems und Antennen aufbauen. Dabei könnten sogenannte Beamforming-Antennen das Signal gezielt in eine bestimmte Richtung senden.
Eine solche Verbindung könnte nach Langes Darstellung erst in der letzten Phase des Fluges hergestellt werden. Die Drohne würde zunächst einen vorab berechneten Flugweg abfliegen. Kurz vor dem Ziel könnte dann ein Mensch die Kontrolle übernehmen – und das sogar aus mehreren hundert Kilometern Entfernung. Voraussetzung wäre, dass die Verbindung zur Drohne rechtzeitig hergestellt werden kann. Bei Mesh-Netzwerken kommes nicht darauf an, 'was wie wo verbunden ist': 'Hauptsache, es gibt eine Verbindung. Ich kann eins der Mesh-Modems, der Mesh-Transponder, zum Beispiel auch an ein starkes WLAN-Netzwerk hängen.'
'Russisches Starlink' Rasvet: Putins Armee offenbar auf dem Weg zu 'großem Wandel'
Im Zweifelsfall müssten die Betreiber davon nicht einmal etwas wissen. Solche Verbindungen seien nicht zwingend besonders gut geschützt, sagt Lange 'Man kann sich ohne Probleme in WLAN-Netzwerke reinhängen. Die Leute haben ja nicht mal ordentliche Passwörter.' Möglich sei auch, eine Verbindung über eine 5G-Antenne herzustellen oder sie über mehrere Netzwerke weiterzureichen. Wie das im konkreten Fall ausgesehen haben könnte, weiß Lange allerdings nicht: 'Das sind Geheimoperationen, daher möchte ich nicht spekulieren.'
Als weitere Möglichkeit nennt Lange russisches Satelliteninternet, Rasvet. 'Russisches Starlink, das klingt ein bisschen überkandidelt', sagt er. Russland sei aber tatsächlich auf dem Weg zu einem eigenen Satelliteninternet. Dafür brauche es zunächst kleine Satelliten, die Funkverbindungen herstellen. 'Rein technologisch hält die da nichts auf.' Auch die Sanktionen hätten es nicht in irgendeiner Weise unterbunden. 'Russland ist absolut fähig, konstant Raketen zu launchen.' Nach Geheimdienstberichten, auf die sich etwa das Institute for the Study of War bezieht, hat Russland 32 Satelliten gestartet, von denen nur 12 funktionsfähig sind. Die Ausfallquoten machten aber nichts, urteilte Lage. 'Und zwar deswegen, weil für solche Operationen das Einzige, was wichtig ist, das Überflugfenster ist.'
In diesem müssten die Satelliten für wenige Minuten eine Verbindung zwischen der Bodenstation und dem Gebiet herstellen können, in dem die Drohne fliegt. Nach Langes Angaben, die er selbst ausdrücklich mit Vorsicht betrachtet, könnte es inzwischen ein oder zwei solcher Fenster geben. 'Diese sind mit so einer niedrigen Umlaufbahn zwischen 60 und 90 Minuten lang.' Der ukrainische Auslands-Geheimdienstchef Oleh Iwaschtschenko sagte am Montag, Russland bemühe sich weiterhin um den Ausbau seiner Satellitenkapazitäten, die derzeitige Konstellation bleibe jedoch sowohl in ihrer Größe als auch in ihrer Wirksamkeit begrenzt. Rasvet (zu deutsch 'Sonnenaufgang') müsse in einen 'Zakat' ('Sonnenuntergang') verwandelt werden, erklärte er: 'Wir arbeiten daran.'
'Das ist der große Wandel, den wir jetzt gerade gesehen haben. Deswegen ist es so wichtig, dass man versteht, dass hier ganz viele technologische Entwicklungen ineinandergreifen', so Lange. Denn: Für den Endanflug der schnellen Geran-4 könnte schon ein relativ kurzes Fenster genügen: 'Wenn ich da aber wirklich nur ein Fenster brauche von ein paar Minuten, weil ich das wirklich nur für den terminalen Anflug nehme – umso besser.' (Aus Kyjiw berichtet Kristina Thomas)
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