Elali Manuel ist adipös und kämpft seit ihrer Kindheit gegen Mobbing und Vorurteile. Nun wagt sie einen Neuanfang.
Elali Manuel spaziert mit ihrem Hund einen Waldweg hinauf. Bereits bei einer leichten Steigung gerät sie ausser Atem.
«Ich kann nicht mehr lange laufen. Meine Knie knacksen ständig, ich kann nicht viele Treppen steigen. Wenn es heiss ist, schwitze ich wie ein Wasserfall», erzählt die 25‑Jährige. Sie hofft, dass sich das bald ändern wird.
Die Magenbypass-Operation ist nur wenige Tage entfernt. Was passiert bei einer Magenbypass-Operation? Box aufklappen Box zuklappen Beim Magenbypass wird ein kleiner Teil des Magens vom restlichen Magen abgetrennt und direkt mit dem Dünndarm verbunden. Dadurch können nur noch kleine Nahrungsmengen aufgenommen werden.
Ein Teil der Nährstoffe wird weniger gut verwertet. Betroffene werden schneller satt und nehmen in der Regel weniger Kalorien auf. Quellen: Adipositaszentrum Bern, Universitätsspital Zürich Der Auslöser für ihren Entscheid war ein Arzttermin. Bei einer Untersuchung wurde ein erhöhter Nüchternblutzucker festgestellt, ein möglicher Vorbote von Diabetes.
«Ich habe Angst davor», sagt Elali: «Ich möchte das nicht bekommen. Ich habe noch so viel vor mir. » Hinzu kommt ein BMI von über 40 und damit Adipositas im höchsten Schweregrad. Für Elali war die Diagnose dennoch ein Tiefpunkt.
«Ich habe gemerkt: Ich mag nicht mehr. Ich habe schon so viel versucht. » Bereits als Kind wurde sie vom Arzt zu einer Kinderpsychologin und zur Ernährungsberatung geschickt. Später versuchte Elali, weniger zu essen, ging zur Physiotherapie, ernährte sich zeitweise vorwiegend von Proteinshakes, verzichtete auf Kohlenhydrate und trainierte regelmässig im Fitnessstudio.
Auch die Abnehmspritze probierte sie aus. Weil sie Angst vor Nadeln hat, konnte sie die Behandlung jedoch nicht wie vorgesehen durchführen. Ein Leben mit Stigma und Mobbing Das Thema Übergewicht begleitet sie, seit sie denken kann: «Da bist du fünf Monate alt», sagt ihre Mutter Daniela Manuel und zeigt auf ein Foto im Familienalbum.
«Bereits da war ich ein Michelin-Baby», antwortet Elali: «Da sind schon ziemliche Ringe an meinen Armen und Beinen. » Was ist Adipositas und welche Folgen hat die Krankheit? Box aufklappen Box zuklappen Adipositas ist eine chronische Stoffwechsel- und Ernährungserkrankung, bei der sich im Körper übermässig viel Fettgewebe ansammelt. Wie sie entsteht, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich und abhängig von verschiedenen Faktoren: Genetische, hormonelle, psychische und soziale Einflüsse spielen eine Rolle.
Laut Allianz Adipositas Schweiz werden 70 bis 80 Prozent des BMI durch genetische Veranlagungen beeinflusst. Mit ihrem Übergewicht ist Elali nicht allein. Laut Bundesamt für Gesundheit sind in der Schweiz 43 Prozent der Erwachsenen übergewichtig oder adipös. Adipositas zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Diabetes Typ 2.
Menschen mit Adipositas leiden zudem häufiger an Bluthochdruck und erhöhten Cholesterinwerten als Normalgewichtige. Auch andere Erkrankungen treten vermehrt auf, darunter Arthrose, Asthma und Schlafstörungen.
Darüber hinaus sind Menschen mit Adipositas häufiger von mittelschweren bis schweren Depressionssymptomen betroffen. Schon in der Primarschule wurde sie wegen ihres Gewichts gemobbt.
«Ich wollte nicht mehr in die Schule gehen», erzählt sie. «Ich hatte einen richtigen Zusammenbruch. » Ihre Mutter Daniela handelte sofort und informierte gegen Elalis Wunsch die Lehrperson.
«Ich konnte wirklich mitfühlen», sagt sie. Auch Daniela wurde als Kind wegen ihres Übergewichts gemobbt.
«Im Geheimen sind mir die Tränen gekommen, weil es mir so wehgetan hat. » Die Lehrperson hielt daraufhin einen Vortrag vor der Klasse gegen Mobbing. Danach habe es aufgehört. Der Schaden am Selbstvertrauen war jedoch bereits entstanden.
Menschen mit Adipositas würden oft stigmatisiert, schreibt das Bundesamt für Gesundheit. Sie würden für ihr Übergewicht verantwortlich gemacht, weil sie sich zu wenig bewegen und zu viel essen würden. Marco Büter, Chefarzt Viszeralchirurgie im Spital Männedorf, erlebt die Folgen dieser Haltung regelmässig. Der Irrglaube, dass Betroffene einfach mehr Disziplin bräuchten, sei so stark verankert, dass für viele bereits der Termin in seiner Sprechstunde ein Eingeständnis des eigenen Scheiterns sei.
«Sie glauben, wenn sie nur willensstärker wären, wären sie nicht adipös», sagt Büter. Niemand sucht sich aus, krank zu sein. Autor: Marco Büter Chefarzt Viszeralchirurgie Spital Männedorf Dabei werde die Krankheit oft missverstanden.
«Menschen mit Adipositas essen falsch oder zu viel, weil sie an Adipositas leiden», erklärt er. Das Essverhalten sei nicht die Ursache, sondern ein Symptom der Erkrankung. Wenn er seinen Patientinnen und Patienten erkläre, dass dies Teil ihrer Krankheit sei und nicht ihre Schuld, würden manche in Tränen ausbrechen.
«Bei Adipositas handelt es sich um eine chronische Erkrankung und keineswegs um einen freiwillig gewählten Lebensstil», sagt Büter. «Niemand sucht sich aus, krank zu sein. » «Die Leute haben mich plötzlich angelächelt» Immer wieder habe Elali sich gefragt, weshalb ausgerechnet sie abwertende Kommentare aushalten müsse.
«Die Leute wissen doch gar nicht, warum ich übergewichtig bin oder was ich alles erlebt habe. » Einer, der ihre Situation schon lange kennt, ist ihr enger Freund Miroslav Višnjić. Die beiden kennen sich seit der Primarschule. Auch Miroslav war früher stark übergewichtig und hat sich vor zwei Jahren für einen Magenbypass entschieden.
Gemeinsam sortieren sie Kleider aus. Während Elali einige Stücke behalten möchte, weil sie hofft, bald wieder hineinzupassen, erzählt Miroslav von einer Beobachtung, die ihn nach seiner Gewichtsabnahme überrascht hat.
«Die Leute haben mich plötzlich auf der Strasse angelächelt. » Anfangs habe ihn das irritiert.
«Ich dachte, ich habe etwas im Gesicht. » Vor der Operation habe er solche Reaktionen kaum erlebt.
«In der Badi bekam ich oft komische Blicke. » Elali macht der Gedanke wütend, dass sie mit ein paar Kilos weniger möglicherweise anders behandelt werden wird als mit Übergewicht.
«Ich bin doch noch der gleiche Mensch mit demselben Charakter. » Miroslav hält ein rosa Oberteil in die Höhe.
«Das ist megasüss. » Das Etikett hängt noch daran.
«Ich freue mich darauf, wenn ich das endlich anziehen kann», sagt Elali. Nach der Operation möchte sie mit Miroslav shoppen gehen – in echten Läden.
«Ich habe meine Kleider meistens online bestellt, weil es mir so unangenehm war, wenn mir die Teile nicht gepasst haben», erzählt sie. «Sobald ich mich wohl in meinem Körper fühle, werde ich auch mal Shorts anziehen und bauchfrei tragen. » Alles Dinge, die sie sich bisher nicht getraut hat. Am Anfang brauchte ich 45 Minuten für ein Joghurt.
Autor: Miroslav Freund von Elali Manuel Wenige Tage später sitzt sie mit ihrer Mutter, ihrer Schwester und Miroslav beim Grillieren. Es ist ihr letztes gemeinsames Essen vor der Operation. Danach wird sie sich an einen strikten Ernährungsplan halten müssen. Miroslav weiss, was auf sie zukommt.
«Am Anfang brauchte ich 45 Minuten für ein Joghurt. » Man müsse lernen, sich Zeit zum Essen zu nehmen. Auch wenn der Magenbypass eine etablierte und standardisierte Behandlung bei Adipositas sei, müssten Betroffene laut Marco Büter verstehen, dass die Operation kein «Quick Fix» ist. Die eigentliche Herausforderung beginne danach: Ernährung, Bewegung und Nachsorge würden lebenslang wichtig bleiben.
Der Magenbypass könne helfen, Gewicht zu verlieren. Die Erkrankung selbst verschwinde jedoch nicht. Nicht alles verläuft nach Plan Nach der Operation scheint zunächst alles gut zu verlaufen. Elali postet regelmässig Videos auf Tiktok über ihren Genesungsverlauf.
Dann plötzlich Funkstille. Bei ihr treten starke Bauchschmerzen auf. Im Spital stellen die Ärztinnen und Ärzte einen Darmverschluss fest. Elali muss notoperiert werden.
«Ein Darmverschluss ist eine sehr seltene Komplikation nach einem Magenbypass», erklärt Marco Büter. Zehn Tage nach der Notoperation kann Elali wieder arbeiten. Rund 10.5 Kilo hat sie in sechs Wochen abgenommen. Bereut habe sie den Magenbypass nur kurz, als die Komplikationen aufgetreten seien.
Inzwischen freue sie sich darüber, dass viele ihrer Kleider lockerer sitzen. Stolz sei sie vor allem darauf, diesen Weg trotz Rückschlägen gegangen zu sein: «Ich würde der kleinen Elali mitteilen, dass sie diese schweren Schritte gehen muss, damit sie heute hier stehen kann und es ihr besser geht. » Über «SRF Impact Inside» Box aufklappen Box zuklappen «SRF Impact Inside» taucht ab in die Lebenswelten von jungen Schweizerinnen und Schweizern, die Sie bisher nicht kennen.
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