Wutausbrüche als Ventil
'Ich verstand nichts, wusste nur, dass ich nicht hineinpasse, nicht gewollt war, anders aussehe mit meiner dunkleren Haut, anders behandelt werde, ich erlebte nur Destruktives, kam nicht zur Ruhe. War hyperaktiv und aggressiv in der Schule. Und daheim brav wie ein Lamm, um zu überleben. Nur nicht auffallen.' Das Mädchen Jac war allen Formen von Missbrauch ausgesetzt. Manche konnte man sehen. 'Meine Ausrede war dann immer, ich bin hingefallen. Ich war das ungeschickteste Kind überhaupt. Wie sollte ich mich sozial entwickeln, meine Identität finden? Ich wurde hart. Mein Ventil waren Wutausbrüche in der Schule. Mit 17 meldete ich mich zum Militär. Ich war zierlich, brauchte aber einen Ausweg, ich wusste, sonst würde ich sterben oder schwanger werden oder sonst was.'
Dort stellte sie den ersten Antrag, um ihre Familie zu finden. Es dauerte fünf Jahre. Nach jedem Umzug hinterließ sie die neue Adresse bei den Sozialämtern. Irgendwann riefen sie an: 'Wir haben sie gefunden.'
Aus Wut wurde Mitgefühl
'Zuerst haben wir Briefe ausgetauscht, ich bekam Fotos und erfuhr, meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, ich hatte noch zwei Geschwister.' Als sie ihre Mutter schließlich das erste Mal traf, wollte sie ihr die ganze Wut, den Schmerz und die Verletzung entgegenschleudern, alles, was sie durchmachen musste. Doch sie tat es nicht: 'Ich sah sofort ihr Leid und meine Wut löste sich auf. Ich spürte zum ersten Mal in meinem Leben Mitgefühl. Es war überwältigend.'
Sie wurde Sozialarbeiterin, arbeitete mit Obdachlosen, Drogensüchtigen, HIV-Kranken, damals war sie Mitte zwanzig. Die meisten waren Indigene. Parallel studierte sie Soziale Arbeit. Das Thema hatte sie gepackt. Sie wollte verstehen, wie es kommt, dass Menschen an den Rand gedrängt werden. 'Im Studium konnte ich mich selbst kennenlernen. Meine Scham loslassen. Lernen, es ist nicht meine, sondern die des Landes, das uns so behandelt. So wie Gisèle Pelicot es ausdrückte: ‚Die Scham muss die Seite wechseln.''
Auch Paula Dreyer studiert Soziale Arbeit an der EH, weil sie für junge Menschen ansprechbar sein möchte, ihnen helfen, ihnen Orte geben möchte, wo sie sich sicher fühlen.
Zum Reportagen-Projekt von BZ und EH
In unregelmäßigen Abständen erscheinen in der BZ Reportagen von Studentinnen und Studenten der Evangelischen Hochschule Ludwigsburg, in denen sie in Sozialreportagen von ihrem Studium berichten. Die EH ist eine staatlich anerkannte Hochschule für Menschen jeglicher Orientierung, Konfession und Glaubensrichtung. Es gibt Bachelor- und Master-Studiengänge in den Bereichen Soziales, Diakonie, Pädagogik, Pflege und Religion.
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