AUDIO: Erwärmung kann die Folgen von Erdbeben verstärken (1 Min)
Folge des Klimawandels
Stand: 07.09.2026 21:00 Uhr
Naturgefahren treten selten allein auf. Auf der Arktisinsel Jan Mayen löste ein Erdbeben im März 2025 einen Felssturz aus, der einen Gletscher unter Geröll begrub; am Nachbargletscher brachen Eisblöcke ins Meer. Ein Forschungsteam sieht darin ein Muster, das auch bewohnte Gebirgsregionen betrifft, und verweist auf die Katastrophe Ende August an der nepalesisch-chinesischen Grenze.
von MDR Wissen / RR
Es war halb vier Uhr morgens Ortszeit, als am 10. März 2025 vor Jan Mayen die Erde bebte. Die Insel liegt einsam im Nordatlantik, rund 500 Kilometer östlich von Grönland, und ist bis auf die Mannschaft einer Wetterstation unbewohnt. Sieben Kilometer vom Epizentrum entfernt, an einer Felswand über dem Kjerulf-Gletscher, löste sich dreieinhalb Minuten später fast eine Million Kubikmeter Gestein. Der Schutt stürzte 800 Meter tief, lief 2,3 Kilometer weit bis an die Küste und bedeckt seither zwischen 30 und 50 Prozent der Gletscheroberfläche.
Gesehen hat das niemand. Rekonstruiert wurde es trotzdem, und zwar auf die Minute genau. Ein internationales Team unter Leitung des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung Kiel hat dafür fünf voneinander unabhängige Messverfahren zusammengeführt. Die Ergebnisse sind in den Proceedings of the National Academy of Sciences erschienen. Erdbebenwellen, Schall und ein Radarsatellit
Den Anfang macht die Seismik: ein Beben der Stärke 6,5 in 18 Kilometern Tiefe, das stärkste nahe der Insel gemessene Beben seit hundert Jahren. Am Gletscher wirkten Bodenbeschleunigungen von 0,40 bis 0,45 g, also gut 40 Prozent dessen, was ein frei fallender Körper erfährt. Zwei Satellitenempfänger auf der Insel maßen, dass sich der Boden dabei um gut zwei Zentimeter nach Südosten verschob – und zwar dauerhaft.
Wann genau der Fels abging, verrieten dann Mikrofone. Der Luftschall der Lawine, für Menschen zu tief zum Hören, erreichte knapp eine Stunde später eine Messstation auf Island, rund 900 Kilometer entfernt. Aus Laufzeit und Richtung ließ sich der Absturz auf ein Zeitfenster von dreißig Sekunden eingrenzen. Vier Stunden nach dem Beben zeigte schließlich ein Radarsatellit, dass vor dem benachbarten Weyprecht-Gletscher Eisblöcke trieben: Auch dort hatte die Erschütterung Eis abbrechen lassen. Warum ausgerechnet bei diesem Beben?
Damit war der Hergang geklärt, nicht aber die eigentliche Frage. Denn die Gegend bebt regelmäßig. Jan Mayen sitzt auf einer Bruchzone des Mittelatlantischen Rückens, an der die Nordamerikanische und die Eurasische Platte mit 14 Millimetern im Jahr aneinander vorbeigleiten. Zwischen 1988 und 2004 gab es dort vier Beben der Stärke 5,6 bis 6,0, und der Erdbebenkatalog des Potsdamer GEOFON-Programms listet allein für die Zeit seit 2008 fünfzehn Beben im Umkreis von 50 Kilometern um die spätere Abbruchstelle, überwiegend zwischen Stärke 4 und 5.
Nur: Auf 40 Jahren Satellitenbildern findet sich kein einziger vergleichbarer Felssturz. Der von 2025 ist der erste, der auf Jan Mayen wissenschaftlich dokumentiert wurde – und der erste bekannte Fall überhaupt, bei dem eine Gerölllawine den Großteil einer Gletscheroberfläche begräbt. Das Beben von 2025 war zwar das stärkste seit hundert Jahren. Aber die Forschungsgruppe hält es für unwahrscheinlich, dass das allein den Unterschied macht. Der Hang gab schon viermal von allein nach
Der entscheidende Hinweis steckt in älteren Satellitenbildern. Dieselbe Felswand brach dort schon 2017, 2019, 2023 und 2024 ab – jedes Mal kleiner, jedes Mal dicht bei der Stelle, an der sich 2025 der große Abriss bildete. Und jedes Mal, ohne dass die Erde gebebt hätte. Der Hang war also seit Jahren dabei, mürbe zu werden.
Warum, dafür hat das Team die Wetteraufzeichnungen der Insel ausgewertet – und wir haben die Werte an der Originalreihe der norwegischen Wetterstation nachgeprüft. Sie bestätigen das Bild: 1979 fiel das Thermometer noch auf minus 26,8 Grad, unter minus 20 Grad sank es zuletzt 1998. Das Jahresmittel stieg seit 1970 um gut zwei Grad, und seit dem Jahr 2000 lagen 24 von 26 Jahre n über null. In dem Gestein wirkt Eis wie Zement: Es hält Klüfte zusammen. Laborversuche zeigen, dass eisverkittete Fugen nahe dem Schmelzpunkt über die Hälfte ihrer Festigkeit verlieren können.
Die Erwärmung, die sich auf Jan Mayen messen lässt, ist dabei kein örtlicher Befund: Nirgendwo auf der Erde steigen die Temperaturen so schnell wie in der Arktis. Was das für das Leben im Polarmeer bedeutet, untersuchen derzeit auch Forscher der Universität Jena. Proben sammelt für sie die Tara Polar Station, die sich dafür ab September einen ganzen Winter lang im Packeis einfrieren lässt und mit der Eisdrift treibt. Grenzen der Studie
"Unsere Studie dokumentiert erstmals eine durch ein Erdbeben ausgelöste Gerölllawine auf der Insel Jan Mayen, an einem Vulkanhang, der durch die Degradation des Permafrosts möglicherweise zunehmend instabil geworden ist", sagt Erstautor Guilherme de Melo vom GEOMAR. Das "möglicherweise" ist wichtig, denn es markiert die Grenze der Arbeit.
Gemessen wurde der Permafrost am Hang nämlich nicht. Die Temperaturreihe stammt von der Wetterstation im Süden der Insel, rund 28 Kilometer entfernt und 800 Meter tiefer gelegen als die Abbruchstelle. Auch die beobachtete Veränderung im Untergrund – seismische Wellen liefen nach dem Beben eine gute halbe Stunde lang sieben Prozent langsamer – wurde an den Messstationen registriert, nicht am Hang selbst. Dass dort dasselbe geschah, nennen die Autoren ausdrücklich eine plausible Annahme. Der Zusammenhang zwischen Erwärmung und Felssturz ist also gut begründet, aber nicht endgültig bewiesen. Ein Muster, das nicht nur in der Arktis auftreten könnte
Folgenlos bleibt Schutt auf einem Gletscher trotzdem nicht. Eine Gerölldecke verändert, wie schnell das Eis darunter schmilzt, und es dauert Jahre bis Jahrzehnte, bis ein Gletscher solches Material in sich aufnimmt. Auf Jan Mayen traf es keine Menschen – anderswo konnte es sie sehr wohl treffen.
"Globale Erwärmung und Permafrostdegradation können Hänge und Gletscher schwächen und so das Potenzial für kaskadierende Naturgefahren erhöhen", sagt de Melo und verweist auf die Katastrophe Ende August an der nepalesisch-chinesischen Grenze. "Dort war der unmittelbare Auslöser ein Gletscher-Eis-Fels-Kollaps, bei dem von uns untersuchten Ereignis auf Jan Mayen war es ein Erdbeben. Im größeren Zusammenhang weisen beide Ereignisse jedoch auf denselben Prozess hin: Eine langfristige Destabilisierung macht Gebirgs- und Polarregionen anfälliger dafür, dass einzelne Auslöser eine Kette weiterer Gefahren in Gang setzen."
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