(Symbolbild) Das alternde Gehirn nimmt offenbar große Mengen an Immunzellen aus dem Blut auf und widerlegt damit eine langjährige Lehrmeinung. Die eingewanderten Zellen werden im Gewebe zu Mikroglia, den Fresszellen des Gehirns. Diese Erkenntnis eröffnet neue Ansätze gegen neurologische Erkrankungen des alternden Gehirns.
(Foto: © Forschung und Wissen )
Lange Zeit galt das Gehirn als isoliertes System mit einem eigenen, sich selbst erneuernden Immunsystem. Eine neue Studie zeigt, dass das alternde Gehirn offenbar große Mengen an Immunzellen aus dem Blut aufnimmt. Diese eingewanderten Zellen siedeln sich dauerhaft an und werden zu Mikroglia, den Fresszellen des Gehirns. Die Feststellung stellt die etablierte Lehrmeinung in Frage. Überraschend ist auch, dass der Prozess weder bei Mäusen noch bei anderen Primaten beobachtet wurde.
Das Immunsystem des Gehirns galt bisher als weitgehend unabhängig. Im Gegensatz zu den meisten Abwehrzellen des Körpers, die ständig aus Stammzellen im Knochenmark neu entstehen, sollen sich die Fresszellen des Gehirns, die Mikroglia, ein Leben lang ohne Zufuhr von außen erneuern. Eine dichte Schutzschicht, die Blut-Hirn-Schranke, begrenzt zudem den Eindringen des Blutes in das Gewebe. Genau dieses Bild gerät nun ins Wanken, denn im alternden Gehirn scheinen Zellen aus dem Blut diese Grenze zu überwinden. Die Forscher fanden Hinweise darauf, dass körpereigene Immunzellen wandern und sich vor Ort in funktionelle Mikroglia verwandeln. Das bedeutet, dass das Gehirn im Alter offenbar weniger verschlossen ist als erwartet. Der Befund betrifft einen grundlegenden Baustein zum Verständnis, wie das Gehirn altert und wie es auf Stress reagiert.
Der Nachweis wurde durch einen genetischen Trick ermöglicht. Die Stammzellen im Knochenmark, die Blut- und Immunzellen bilden, sammeln im Laufe des Lebens charakteristische Mutationen an, die sie an ihre Nachkommen weitergeben. Wenn sich einige dieser veränderten Stammzellen mit zunehmendem Alter stärker vermehren als andere, entstehen genetisch klar unterscheidbare Zellgruppen. Dieser als klonale Hämatopoese bezeichnete Prozess ermöglichte es, die Herkunft einzelner Zellen nachzuvollziehen und zu überprüfen, ob eine Zelle aus dem Knochenmark oder dem Gehirn stammt. Die Arbeitsgruppe verglich Immunzellen aus Blut und Gehirnproben von Menschen und stellte eine Ähnlichkeit fest. Ab dem mittleren Alter waren Zellen tatsächlich vom Körper ins Gehirn gewandert. Die Ergebnisse erschienen Ende Juli 2026 in einer renommierten Fachzeitschrift und basieren auf menschlichem Gewebe statt auf Tiermodellen.
Die in der Fachzeitschrift 'Nature' veröffentlichte Studie einer Stanford-Arbeitsgruppe verfolgt anhand von menschlichem Gewebe, wie Immunzellen in das alternde Gehirn gelangen, und dokumentiert den Transfer mithilfe genetischer Marker. Dementsprechend passieren zirkulierende Immunzellen die Blut-Hirn-Schranke und siedeln sich dann als funktionelle Mikroglia im Gewebe an. Ein Ausgangspunkt der Untersuchung waren bestimmte Mutationen, die nur einen Teil der Bevölkerung betreffen. Der Verdacht, dass eine solche Einwanderung häufiger vorkommt, führte zu der umfassenderen Analyse. Besonders bemerkenswert ist, dass dieser Prozess bei Mäusen und nichtmenschlichen Primaten fehlte. Es scheint daher ein spezifisch menschliches Merkmal des Alterns zu sein, das in gängigen Tiermodellen bisher übersehen wurde. Dies erklärt auch, warum frühere Studien diesen Weg nicht abgedeckt hatten. Was die Ergebnisse für Alzheimer und die Neurologie bedeuten
Der Befund eröffnet neue Perspektiven für die Neurologie. Wenn körpereigene Immunzellen aus dem Blut tatsächlich ins Gehirn wandern können, könnte dieser Weg möglicherweise genutzt werden, um Wirkstoffe oder gezielt veränderte Zellen in das Zentralnervensystem zu bringen. Bislang war die Blut-Hirn-Schranke eine der größten Hürden bei der Behandlung von Erkrankungen des Gehirns. Die Arbeitsgruppe weist zudem auf einen möglichen Zusammenhang mit der Resistenz gegen Alzheimer hin, den sie in weiteren Studien untersuchen will. Dies ist noch Grundlagenforschung und ein direkter therapeutischer Nutzen ist nicht nachgewiesen. Klar ist jedoch, dass das alternde Gehirn enger mit dem Rest des Körpers verbunden ist als lange angenommen. Dieses sich verändernde Bild könnte langfristige Auswirkungen auf die Art und Weise haben, wie neurodegenerative Erkrankungen erforscht und behandelt werden. Jetzt rücken die Fresszellen des Gehirns in den Fokus.
Natur, Somatische Mutationen enthüllen die Ontogenese von Mikroglia im menschlichen Alter; doi:10.1038/s41586-026-10939-0
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