Es sind klare Worte, die die Landesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Monika Stein, am Dienstagvormittag bei der Landespressekonferenz findet. 'Vom vielen Messen wird die Sau nicht fetter', sagte Stein. 'Wir müssen aufhören, den Lernstand zu messen, ohne anschließend fördern zu können.' Die GEW fordert, Lernstandserhebungen und Vergleichsarbeiten vorerst auszusetzen.
Dadurch sollen die rund 140.000 Lehrkräfte in Baden-Württemberg im neuen Schuljahr entlastet werden und mehr Zeit für ihre pädagogischen Aufgaben gewinnen. Konkret stört sich die GEW an den landesweiten Vergleichsarbeiten in Klasse 2, 5 und 7 sowie an den bundesweiten Vera-Erhebungen, die in den Klassen 3 und 8 durchgeführt werden. Es reiche nicht, immer genauer festzustellen, wo Schülerinnen und Schüler Lernlücken haben, sagte Stein, wenn den Schulen anschließend die Mittel und Möglichkeiten fehlen, diese Lücken zu schließen. Er müsse erst einmal in Unterricht und Förderung investiert werden – dann könne man wieder stärker messen und vergleichen.
Sie spielte damit auch auf die am Dienstag veröffentlichten Ergebnisse der neuen Pisa-Studie an, die wenig Anlass zur Entwarnung liefern. 15-Jährige in Deutschland erreichen in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaft so niedrige Werte wie noch nie seit Beginn der Erhebungen. Stein warnte jedoch vor einem 'Aktivismus', bei dem auf schlechte Ergebnisse mit immer neuen Erhebungen reagiert werde. Kultusminister Andreas Jung (CDU) denkt indessen in eine andere Richtung. Er schlägt vor, Sprach- und Entwicklungsstände bei Kindergartenkindern noch früher zu messen.
Neben der Frage nach der Förderung spielt auch der Unterrichtsausfall eine Rolle. Rund 7000 Unterrichtsausfälle stünden etwa 2100 Lehrkräften in der sogenannten Vertretungsreserve gegenüber, das, so Stein, 'kann nicht aufgehen.' Dabei zeigen die offiziellen Zahlen aus Sicht der GEW nicht einmal das ganze Bild. Gerade an Grundschulen werde Unterrichtsausfall häufig gar nicht als solcher erfasst, sagte Stein. Fällt eine Lehrkraft krankheitsbedingt aus, werden die Kinder dort nicht einfach nach Hause geschickt - stattdessen würden Klassen zusammengelegt und Schülerinnen und Schüler auf andere Klassen verteilt. Die Bildungsgewerkschaft fordert deshalb eine größere Vertretungsreserve, die schrittweise ausgebaut werden soll.
Personalmangel an Grundschulen besonders drastisch
Die Forderung nach mehr Entlastung der Lehrkräfte steht dabei auch vor dem Hintergrund des anhaltenden Personalmangels an Schulen. Verlässliche Zahlen werde das Kultusministerium erst am Donnerstag vorlegen, so Stein, doch fest stehe, dass sich der Personalmangel je nach Region und Schulart erheblich unterscheide. Besonders deutlich zeige sich das Problem bei den Grundschulen. Die GEW fordert deshalb vom Kultusministerium mehr Anreize, um Lehrkräfte auch für Regionen zu gewinnen, in denen sich bislang seltener beworben wird.
Überdies kritisierte die Landesvorsitzende der GEW, dass sich die Landesregierung nach wie vor 'um ihre Verantwortung in Bezug auf die Arbeitszeiterfassung von Lehrkräften' drücke. Dabei sei diese zwingend notwendig, um zeitliche Überlastungen bei Lehrkräften rechtzeitig zu erkennen, sagt Stein. Die GEW hat deshalb nun in einem ersten Schritt die sogenannte 'LehrZeit-App' ins Leben gerufen, mit der Lehrerinnen und Lehrer nun erstmals in Baden-Württemberg ihre Arbeitszeit erfassen können.
Schulverwaltungsassistenzen als Lösung?
Perspektivisch solle die Arbeitszeiterfassung der Lehrkräfte vom Land übernommen und, so betonte es Stein am Dienstag, Konsequenzen gezogen werden. Ein Ansatzpunkt ist für Stein die Entlastung von Verwaltungsaufgaben mithilfe sogenannter Schulverwaltungsassistenzen. Im Koalitionsvertrag hatte sich die Landesregierung verpflichtet, diese schrittweise einzuführen, ein entsprechender Modellversuch läuft bereits.
Sprachförderung
In der vergangenen Legislaturperiode hatte sich die grün-schwarze Landesregierung bereits auf eine stärkere Sprachförderung verständigt. Das Paket sieht vor, dass Kinder mit Bedarf noch vor der Einschulung ein intensives Sprachtraining bekommen sollen. Sprechen die Kinder danach noch immer nicht ausreichend Deutsch, um eine Grundschule besuchen zu können, sollen sie vom nächste Woche startenden neuen Schuljahr an in sogenannten Juniorklassen gefördert werden. Ab dem Schuljahr 2028/2029 soll die Sprachförderung verbindlich werden. (dpa)
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