Der Mathematiker Tristan Buckmaster berichtet, wie OpenAI nach dem Durchsickern von Informationen über seine KI-gestützten Forschungsergebnisse Druck auf ihn ausübte, seinen Koautor streichen wollte und ihm drohte.
Tristan Buckmaster und sein Koautor Levent Alpöge haben mit Hilfe von KI-Modellen bedeutende Fortschritte bei einem der berühmtesten ungelösten Probleme der Mathematik erzielt: den Navier-Stokes-Gleichungen, für deren Lösung ein Preisgeld von einer Million Dollar ausgesetzt ist. In einem öffentlichen Bericht erhebt Buckmaster nun schwere Vorwürfe gegen OpenAI.
Die beiden Mathematiker hatten seit Monaten mit verschiedenen KI-Modellen gearbeitet, darunter Anthropics Claude und OpenAIs Codex mit GPT-5.6 Sol. Mitte August erzielten sie nach eigener Darstellung mehrere Durchbrüche. Außerdem glauben sie, ein weiteres Ergebnis für eine spezielle Navier-Stokes-Variante gefunden zu haben; dieses ist aber noch nicht veröffentlicht und noch nicht formal verifiziert. Ein anerkannter Beweis wäre ein großer Durchbruch für die Mathematik und ein Meilenstein für KI-gestützte Forschung. Gerüchte erreichen OpenAI, der Druck beginnt
Anfang September kursierten Gerüchte über einen großen mathematischen Durchbruch. Alpöge erhielt laut Buckmaster Hinweise, dass Informationen über ihre Arbeit an OpenAI weitergegeben worden waren. Am 3. September schrieb Buckmaster proaktiv an einen Mathematiker bei OpenAI, um die Fakten klarzustellen. Er betonte, es handle sich um eine rein persönliche Zusammenarbeit ohne institutionelle Vereinbarungen.
OpenAI antwortete am selben Tag, fragte nach Details und bot Rechenkapazität an. Buckmaster bat um ein Gespräch in der folgenden Woche. Doch OpenAI drängte: Am Freitag die Frage, ob er noch am selben Tag sprechen könne. Am Sonntag um 12:45 Uhr die Frage, ob er "irgendwann heute" verfügbar sei. OpenAI behauptet eigenen Durchbruch auf demselben Weg
An jenem Sonntag stieß Sébastien Bubeck von OpenAI hinzu. In zwei Telefonaten teilte OpenAI Buckmaster laut dessen Darstellung mit, ein internes Modell habe einen etwa 100-seitigen Beweis für die Navier-Stokes-Gleichungen mit Forcierung produziert.
Zunächst hieß es, es sei "sehr wenig menschlicher Input" nötig gewesen. Im Verlauf des Gesprächs stellte sich laut Buckmaster heraus: Ein ganzes Team hatte an dem Problem gearbeitet, leichtere Probleme waren vorgeschaltet worden, und es wurde massiv Rechenleistung eingesetzt.
OpenAIs Modell verfolgte laut Buckmaster denselben ungewöhnlichen Lösungsweg, den fast niemand sonst eingeschlagen hatte. Buckmaster und Alpöge hatten sämtliche Entwürfe über das gesamte Projekt hinweg in OpenAIs Codex hochgeladen. Auf die Frage, ob das Modell auf diese Nutzerdaten trainiert worden sei, erhielt Buckmaster nach eigener Darstellung keine Antwort. Wann OpenAI begonnen hatte, an dem Problem zu arbeiten, blieb lange unklar. Schließlich habe man eingeräumt, dass die ersten Versuche in den Tagen nach dem Durchsickern der Informationen gestartet worden seien.
OpenAI-Entwickler Noam Brown, einer der führenden Köpfe von OpenAIs Modellentwicklung, sagte bei der Vorstellung von Astra, dass sich OpenAI an den Millennium-Problemen versucht, aber keine Lösung gefunden habe. Allerdings habe man bisher nicht viel Rechenleistung aufgewendet. Das war Anfang August. Bubeck wollte Anthropic-Mitarbeiter als Koautor streichen
OpenAI unterbreitete laut Buckmaster zwei Vorschläge: Entweder er veröffentlicht sein Ergebnis und OpenAI postet seines am nächsten Tag. Oder Buckmaster schreibt allein ein Paper und dankt dem internen OpenAI-Modell. OpenAI würde dann erklären, Buckmaster verdiene den Clay-Preis und sei "der Mensch, der dem Problem am nächsten war".
In beiden Szenarien forderte Bubeck laut Buckmaster zweimal, Alpöge als Koautor zu streichen. Die Begründung: Es sei "so nervig", dass Alpöge beim OpenAI-Konkurrenten Anthropic arbeite. "Warum würdest du deine Karriere ruinieren?"
Buckmaster lehnte beide Vorschläge ab und kündigte an, die Vorgänge öffentlich zu machen, sollte OpenAI sein Ergebnis in der vorgeschlagenen Form veröffentlichen. Die Antwort laut Buckmaster: "Warum würdest du deine Karriere ruinieren?"
Als er entgegnete, er sei Akademiker, habe Bubeck geantwortet: "Wenn du nicht willst, dass ich nett bin, dann muss ich auch nicht nett sein." Später versuchte Bubeck laut dem Bericht, Alpöge separat zu kontaktieren: "Ich weiß nicht, ob Tristan gerade komplett rational denkt." Alpöge lehnte ab.
Buckmaster betont, er beschuldige niemanden. Er habe den OpenAI-Beweis nicht gesehen und wisse nicht, ob ihre Daten verwendet wurden. Er lege die Fakten offen, weil "die Alternative ist, eine Abfolge von Ankündigungen etwas sagen zu lassen, von dem ich weiß, dass es falsch ist."
Buckmaster hätte eigentlich über etwas anderes sprechen wollen: darüber, dass ein Mathematiker mit einem Sprachmodell in einem Monat schaffen kann, wofür zuvor Jahre nötig waren. Er nennt es einen "Deep-Blue-Kasparov-Moment". Stattdessen dokumentiere er nun einen Konflikt mit OpenAI. Die Firma hat sich auf Rückfrage noch nicht zu den Vorwürfen geäußert.
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