Politiker aus der Region attackiert AfD-Wähler: Fallen auf Versprechungen von 'Rattenfängern' herein

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Category: Politics
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Reaktion auf AfD-Wahlsieg Ravensburg • Lesedauer: 7 min. Entsetzen bei SPD und Grünen, Selbstkritik bei der CDU, Jubel bei der AfD: Das Wahlergebnis bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sorgt auch in der Region für teils harsche Reaktionen. Während die einen um die Demokratie fürchten und eigene Fehler benennen, fordert die AfD die CDU auf, ihre Brandmauer zu überdenken. 'Über das Ergebnis bin ich entsetzt', sagt Rudolf Bindig. Der Weingartener, der am Wahltag 86 Jahre alt geworden ist, saß von 1976 bis 2005 für die SPD im Bundestag und ist heute Fraktionsvorsitzender der Sozialdemokraten im Ravensburger Kreistag. Als er nach fast 30 Jahren seine Arbeit im Bundestag beendet habe, hätte er sich nicht vorstellen können, 'dass wir 20 Jahre später um den Fortbestand und die Stabilität der Demokratie in Deutschland und insbesondere in einem Bundesland bangen müssen'. 'Klima der Unzufriedenheit' treibt AfD-Erfolg Bindig sieht hinter dem Erfolg der AfD ein 'Klima der Unzufriedenheit', das aus seiner Sicht teilweise 'aufgebauscht' und 'geradezu erzeugt' werde. Viele Menschen schauten vor allem auf das, was im Land nicht funktioniere, während das, womit man zufrieden sein könne, kaum noch wahrgenommen werde. Zugleich wirft der ehemalige Bundestagsabgeordnete den AfD-Wählern vor, auf die Versprechungen von 'Rattenfängern' hereinzufallen und damit gegen die eigenen Interessen zu stimmen. Dass fast die Hälfte der Wähler in Sachsen-Anhalt bereit sei, 'übertrieben nationalistische Positionen und rechtsextreme Positionen der Fremdenfeindlichkeit' sowie antidemokratische Positionen zu akzeptieren, zeuge für ihn von 'politischer Unaufgeklärtheit oder Unreife'. Für die anderen Parteien folgt daraus für Bindig nicht, sich der AfD inhaltlich anzunähern. Im Gegenteil: 'Die klare Kante zur Abgrenzung müsste noch deutlicher und auch argumentativ stärker erfolgen', sagt der Sozialdemokrat. Aus seiner Sicht werde auf Positionen der AfD häufig 'viel zu weich' reagiert. Gleichzeitig sieht er die Bundesregierung in der Pflicht. Sie müsse mehr Reformen zulassen, vor allem 'in Richtung sozialer Gerechtigkeit'. Die Zusammenarbeit von Union und SPD führe derzeit dazu, dass man sich zwar einige, aber 'auf einem Level, welches vielen Bürgern nicht reicht'. Auch die CDU müsse Konsequenzen ziehen. Auf die Frage, ob die Partei angesichts des Wahlergebnisses und der Lage der Bundesregierung auch über den Kanzler nachdenken müsse, antwortet Bindig: 'Ich finde schon, die CDU sollte über ihre Inhalte vor allen Dingen und auch über ihr Personal nachdenken.' Für Sachsen-Anhalt selbst sieht er nach der Wahl eine schwierige Lage. Die Wähler hätten dort eine Situation geschaffen, 'die Sachsen-Anhalt praktisch unregierbar macht'. Für die CDU war klar, dass es in Richtung Pest oder Cholera geht. Dass die Stimmung in Sachsen-Anhalt schon länger so ist, wie sie das Wahlergebnis jetzt beschreibt, weiß der Ravensburger CDU-Abgeordnete Axel Müller. Er war erst vor wenigen Wochen dort und ist vom Wahlergebnis nicht überrascht. 'Für die CDU war klar, dass es in Richtung Pest oder Cholera geht. Entweder die AfD regiert mit absoluter Mehrheit dieses Bundesland, oder man kann das verhindern, indem man sich wie auch immer geartetet von der Linken tolerieren lässt.' Beides stehe nun nicht auf der Tagesordnung. 'Der Siegmund wollte nur mit absoluter Mehrheit regieren, die hat er nicht. Und das BSW hat einen überparteilichen Ministerpräsidenten ins Spiel gebracht, das ist der Siegmund nun wirklich nicht.' Man müsse abwarten, so Müller. Mit Blick auf Konsequenzen in der eigenen Partei sagt der Abgeordnete: 'Der Kanzler kann sich noch lange halten, wenn es ihm gelingt, eine neue Strategie zu fahren.' Die CDU habe schon im Bundestagswahlkampf eine zu hohe Erwartungshaltung geschürt. 'Man muss den Menschen schon sagen, dass die Reformen mit Einschnitten verbunden sind. Bei diesen schlechten Nachrichten muss man gut erklären, warum man es macht und eine gewisse Empathie zeigen.' Das sei es, was die Wähler vom Kanzler erwarten. 'Er muss erklären, dass er für die Situation der Einzelnen Verständnis hat und gleichzeitig erklären, dass man im Interesse des Einzelnen und seiner Kinder und Enkel die Reformen macht.' Erklärungsdefizite und Ukraine-Hilfen polarisieren Dieses Verständnis sei bisher nicht angekommen. 'Stattdessen entsteht das Gefühl, dass wir entrückt von der Bevölkerung irgendwelche Dinge durchziehen.' In Sachsen-Anhalt haben AfD, BSW und Linke die Kürzungen außerdem beispielsweise gegen die Ukraine-Hilfen ausgespielt. 'Man muss auch hier besser erklären, warum man ein Land, dass von Russland völkerrechtswidrig in seiner Existenz bedroht wird, unterstützt.' Und Müller fügt hinzu: 'Gerade in dem Teil Deutschlands, der fast ein halbes Jahrhundert von den Russen besetzt war, muss man doch vermitteln können, dass es dort um Frieden und Freiheit geht.' Für Agnieszka Brugger ist das Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt ein Einschnitt von historischer Tragweite. 'Nach dem bestialischen Horror der Nationalsozialisten haben Rechtsextreme nur um ein Haar die absolute Mehrheit in einem deutschen Bundesland nicht erreicht', sagt die Ravensburger Grünen-Bundestagsabgeordnete. Die Reaktion darauf dürfe jedoch 'nicht in erschrockener Empörung enden'. Die Wahl werde aus ihrer Sicht auch international Folgen haben: Sie sei 'ein einschneidendes Ereignis, das hierzulande Sorgen und Entsetzen auslöst und weltweit verändern wird, wie die Welt auf Deutschland blickt'. Brugger bezeichnet die AfD als 'eine Gefahr für unsere Demokratie und unsere Sicherheit'. Die Partei trete 'immer wieder die Interessen unseres Landes mit Füßen', paktiere mit gewaltbereiten Rechtsextremen und biedere sich autoritären Regierungen in Russland und China an. Daraus folge eine besondere Verantwortung für die demokratischen Parteien. Sie müssten 'alles dafür tun, den Schaden zu beschränken'. Vor allem bei sicherheitsrelevanten Informationen sieht die Grünen-Politikerin Handlungsbedarf. Es wäre 'völlig verantwortungslos', wenn Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und die Innenminister der Länder kein Konzept hätten, das verhindere, dass solche Informationen 'in die Hände von Demokratiefeinden fallen können'. Brugger mahnt Selbstkritik und Schutz der Demokratie an Zugleich warnt Brugger davor, nach dem Wahlergebnis allein die Verantwortung bei anderen zu suchen. 'Wer jetzt mit dem Finger nur auf andere zeigt und sich nicht selbstkritisch prüft, hat den Ernst der Lage nicht verstanden.' Aufgabe der demokratischen Kräfte sei es nun, zu zeigen, 'dass unsere Demokratie funktioniert', das Land in unsicheren Zeiten zu schützen und die Probleme der Menschen im Alltag zu lösen. Empfohlene Artikel AfD-Landesverband will der eigenen Fraktion den Namen AfD verbieten 17.06.2026 • Kreis Ravensburg Austritte und Ausschlussverfahren: So zerstritten ist die AfD in Oberschwaben 09.06.2026 • Kreis Ravensburg Sahra Wagenknecht hat treue Anhänger in Oberschwaben 20.08.2026 • Region Dass die Grünen ihr Ergebnis auf fast neun Prozent steigern konnten, tritt für Brugger angesichts des Gesamtergebnisses in den Hintergrund. 'Angesichts eines solchen Ergebnisses stellt sich keine echte Freude daran ein, dass die Grünen sich von drei auf fast neun Prozent hochgearbeitet haben', sagt sie. Zugleich würdigt sie den Einsatz ihrer Partei und der Zivilgesellschaft unter schwierigen Bedingungen. Freude über das Wahlergebnis herrscht einzig und allein bei der AfD. Deren Landtagsabgeordnete Hans-Peter Baur (Wahlkreis Ravensburg) und Carmen Haug (Wahlkreis Wangen) haben auf Anfragen der Schwäbischen Zeitung eine gemeinsame Antwort verfasst. Darin sprechen sie von einem 'fulminanten Wahlsieg' und einer 'starken Wechselstimmung' in Deutschland. Aus Sicht der beiden AfD-Politiker haben die Wähler in den vergangenen Jahren mehrfach bürgerlich-konservative Mehrheiten gewählt, anschließend aber 'linksgerichtete Regierungspolitik' bekommen. Diesem 'Etikettenschwindel' hätten die Menschen in Sachsen-Anhalt nun 'eindeutig die rote Karte gezeigt'. Baur und Haug schreiben: 'Die Wähler haben genug, sie wollen wieder gehört werden.' Den Wahlsieger Ulrich Siegmund sehen sie als Ausdruck dieses Wunsches. Er wolle keine 'Machtspielchen' betreiben, sondern nur mit politischen Kräften koalieren, 'welche es mit Sachsen-Anhalt und Deutschland gut meinen'. Sollte eine solche Regierung nicht zustande kommen, halten Baur und Haug Neuwahlen für besser als ein 'Weiter so'. AfD will CDU die 'Hand reichen' Besonders die CDU nehmen die beiden ins Visier. Diese müsse sich fragen, 'ob sie die Brandmauer aufrechterhalten kann oder will'. Baur und Haug verweisen dabei auch auf Baden-Württemberg, wo aus ihrer Sicht eine konservative Mehrheit im Parlament möglich sei. 'Wir reichen die Hand dazu', schreiben sie. Während in Baden-Württemberg aber mit der grün-schwarzen Landesregierung noch Parteien der Mitte Hand in Hand mit solider Mehrheit regieren, wird es in Sachsen-Anhalt für den AfD-Mann Siegmund nun auf das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) ankommen. Deren oberschwäbischer Kreisverbandsvorsitzender, Richard Holderied, war am Montag für die Redaktion nicht zu erreichen. Er signalisierte aber schon Ende August im Interview mit der Schwäbischen Zeitung, dass der BSW-Kreisverband Ravensburg für die abtrünnigen BSWler in der Thüringer Brombeer-Koalition wenig Sympathien hat, sondern Sahra Wagenknecht unterstützt. Die fünf BSWler im neuen Magdeburger Landtag könnten Ulrich Siegmund nun zum Ministerpräsidenten machen, ohne für ihn die Hand zu heben: Eine Enthaltung des BSW im dritten Wahlgang würde für eine einfache Mehrheit des AfD-Kandidaten ausreichen.

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