Man müsse die AfD »inhaltlich stellen« findet die Union, und verkennt ein zentrales Problem: Es geht vielen AfD-Wählern nicht um die Wirklichkeit, sondern um gefühlte Wahrheiten. Dagegen hilft etwas anderes.
Dieser Artikel gehört zum Angebot von SPIEGEL+. Sie können ihn auch ohne Abonnement lesen, weil er Ihnen geschenkt wurde. Eine aus der Propaganda- und Desinformationsforschung mittlerweile sattsam bekannte Grundregel ist: Wenn jemand erstmal herausgekippt ist aus dem gesellschaftlichen Grundkonsens, kann man ihn kaum noch zurückholen.
Das wissen auch alle, die einmal mit einem Verschwörungsgläubigen diskutiert haben, egal ob Impfgegner, Klimawandelleugner oder Anhänger der Idee vom »Bevölkerungsaustausch« . Studien haben wieder und wieder gezeigt, dass es sogar gegenteilige Effekte haben kann, wenn man solche Leute mit Fakten überzeugen möchte: Sie ziehen sich dann noch weiter in ihre jeweiligen Echokammern zurück und suchen dort nach Bestätigung.
»Wir existieren in einer Welt voller Einflüsse, aber wir sind überwiegend immun dagegen, weil wir uns selbst fortgebildet haben« – so zitiert die Kommunikationswissenschaftlerin Magdalena Wojcieszakschon im Jahr 2010 einen anonymen Teilnehmer an einem US-Forum für Neonazis. Diese Art von Aussagen findet man für bestimmte, radikalisierte Gruppen seither Auch vielen Wählerinnen und Wählern der AfD in Sachsen-Anhalt geht es nicht primär um Realität, nicht um echte Bedrohungen, Nachteile oder Herabsetzungen. Es geht um Realitätskonstruktion.
Was nicht bedeuten soll, dass es keine realen Nachteile gäbe: Wer etwa im Osten auf dem Land lebt, hat oft wirklich die Erfahrung gemacht, dass nach der Kneipe nun auch der Bäcker dichtgemacht hat, der nächste Supermarkt 20 Kilometer weit entfernt ist, und es weit und breit keine Arztpraxis mehr gibt.zufolge Leute, die die AfD wählen, die »Daseinsvorsorge« in ihrer eigenen Region etwa fünf- bis siebenmal so häufig als »schlecht« oder »sehr schlecht« ein wie die Wählerinnen und Wähler demokratischer Parteien. Das Gefühl des Abgehängtseins scheint bei Wählerinnen und Wählern der AfD besonders ausgeprägt – deutlich ausgeprägter als bei ihren direkten Nachbarn, die andere Parteien wählen.
Auch hier spielt Realitätskonstruktion eine zentrale Rolle: Die AfD und ihr gewogene Medien und Akteure haben mit viel Aufwand eine Gegenrealität erzeugt, in der Deutschland vor dem Untergang steht, Kriminalität immer weiter zunimmt, Migration ein existenzielles Problem ist, es keine Klimakrise gibt und »die Medien« lügen.laut polizeilicher Kriminalstatistik in etwa gleich viele Straftaten pro 100.000 Einwohner begangen wie in Schleswig-Holstein. Aber: »Die Furcht vor Kriminalität in Schleswig-Holstein ist sehr gering, während sie in Sachsen-Anhalt erstaunlich hoch ist«,, nahezu gleichauf mit allen anderen fünf ostdeutschen Ländern.
In Schleswig-Holstein, auf dem sechsten Platz von hinten, ist der Anteil der Menschen mit Migrationshintergrund mehr als doppelt so groß wie in Sachsen-Anhalt – dort aber landete die AfD bei der letzten Bundestagswahl. Kurz: Da, wo die Menschen besonders selten auf Menschen mit Migrationshintergrund treffen, ist die Partei, zu deren Markenkern Rassismus gehört, am stärksten. Das Prinzip der gefühlten Beeinträchtigung funktioniert in großen Teilen Deutschlands, nicht nur im Osten.
So ist die Gewaltkriminalität in Deutschland seit den Nullerjahren deutlich zurückgegangen, und trotzdem fühlt ein nicht unwesentlicher Teil der Deutschen das Gegenteil, Direktor des Zentrums für kriminologische Forschung Sachsen : »Wenn man das Gefühl hat, in unsicheren Zeiten zu leben, dass alles immer schwieriger wird, dann steigt vielleicht auch die Furcht vor Kriminalität.
«der Angriff auf Institutionen wie Medien und Wissenschaft so wichtig: Wenn jede Tatsache durch einen Verweis auf vermeintlich unglaubwürdige Quellen für falsch oder irrelevant erklärt werden kann, muss man sich mit Detailfragen nicht mehr aufhalten. Was nicht ins Weltbild passt, haben die »Lügenmedien« eben erfunden.nach Wladimir Putins Angriff auf die Krim und den Donbass im Jahr 2014 und wurde unter anderem von Pegida aufgegriffen.
Russland und seine – seitdem– Helfershelfer in Deutschland arbeiten seit mindestens zwölf Jahren strategisch daran, das Vertrauen in eine geteilte, faktenbasierte Realität zu zerstören. Wo die AfD reüssiert, waren sie damit besonders erfolgreich. Man muss dieser Realitätsverzerrung entschlossen, konzertiert und vor allem konsequent entgegentreten. Sonst wird die Zahl der Abgekoppelten immer größer.
Das setzt bei allen anderen politischen Akteuren voraus, dass sie sich der Methode der Realitätsverzerrung verweigern, die zum Markenkern der Rechtsextremen gehört. Sonst ist jede neue Lüge, Halbwahrheit, Verzerrung oder Auslassung nur ein weiterer Beleg dafür, dass »die da oben« sowieso ständig lügen.
Bei der selbst permanent lügenden AfD-Parteispitze ist diese Behauptung Programm: »Ich will nicht mehr angelogen werden von irgendwelchen Flachzangen, die da oben sitzen und irgendwas versprechen und genau das Gegenteil von dem tun«, sagteWeidel eine Woche später dann massenweise Belege: In seinem »Sommerinterview« in der ARD verbreitete Merz so viele Halb- und Unwahrheiten, Verzerrungen und Irreführungen, dass der ARD-Faktencheck zum Interview in normaler Formatierung mehr als vier Druckseiten umfasst. Merz leugnete sogar, Dinge gesagt zu haben, die er nachweislich gesagt hat.
So etwas merken die Leute. Vor der Wahl erklärte Merz Migration zum Riesenproblem, das die Union »lösen« werde, wetterte gegen Staatsschulden, nährte die Illusion deutscher Atomkraftwerke, versprach Wirtschaftsaufschwung und grundlegende Reformen. Nach der Wahl nahm seine Regierung Rekordschulden auf, neue oder reaktivierte Atomkraftwerke sind – wie erwartet und– nicht in Sicht, und Merz erkannte nun ein »Problem im Stadtbild«, dass seine Regierung mit Abschiebungen »lösen« werde. Remigration light, könnte man dieses Versprechen nennen, das sich in einem Land mit Abermillionen.
Er dokumentiert damit nur, was Weidel ihm vorwirft: Diesem Kanzler kann man nicht trauen. Merz arbeitet also aktiv mit an der alternativen Realitätskonstruktion der AfD. Die Gefahr besteht darin, dass immer mehr Leute diese – völlig falsche, verzerrte – Realitätskonstruktion in ihrer Gesamtheit übernehmen. Dann ist es oft, siehe oben, zu spät für politisches oder mediales Gegensteuern.
Die Verlorenen bleiben verloren. : Nein, die bewegen sich so sehr in ihrer eigenen Bubble, dass sie für anderes gar nicht mehr offen sind. Das ist eine komplett faktenlose Parallelwelt. Egal aus welcher Richtung man sich nähert: Man erreicht diese Menschen nicht mehr mit Argumenten.
« Das ist die größte Gefahr für die Demokratie, die ohne gemeinsame Realität nicht funktionieren kann. Stoppen kann man diesen Trend nur, indem man sich selbst an die Tatsachen hält. Wir brauchen eine Brandmauer gegen den Bullshit. Haben Sie einen Fehler im Text gefunden, auf den Sie uns hinweisen wollen?
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